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Glauben verstehen - von Dr. Ingrid Fischer

Weihnachten für alle? Weihnachten ist seit dem 4. Jahrhundert in der Westkirche als Geburtsfest Jesu bekannt; im Osten des Römischen Reiches hingegen gehört die Geburt Jesu zum Fest Erscheinung des Herrn (Epiphanie) am 6. Jänner. Beide Feste werden rasch populär, schärfen ihr Profil und werden bis heute gefeiert. Die Geburtsthematik verblieb beim Weihnachtsfest, während das Erscheinungsfest weitere Motive an sich gezogen hat: den Besuch der Sterndeuter aus dem Osten, die Taufe Jesu im Jordan und das Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana: Sie offenbaren, dass Jesus von Anfang an „Sohn Gottes“ ist.

Weihnachten – ein Fest für alle

Die Frohe Kunde von der Geburt des Messias gilt Israel und „den Vielen“: zunächst den Hirten, Herodes und den religiösen Führern, dann auch den Fremden „aus dem Osten“. Sie gehören zu jenen Völkern, aus denen später die Kirche „aus den Heiden“ entsteht, der wohl die meisten von uns angehören.

 

Weihnachten im Licht der Osternacht

Dennoch: Über 300 Jahre lang kennt die Kirche kein Geburtsfest Jesu. Und nur zwei der vier Evangelien erzählen von seiner Geburt und Kindheit; alle vier hingegen verkünden die Auferstehung des Gekreuzigten „für uns“. Die Weihnachtsbotschaft versteht sich also von Ostern her: Als sterblicher Mensch geboren, ist Christus für uns gestorben, begraben und auferweckt gemäß der Schrift (vgl. 1 Kor 15,3-5). Jesu Abstieg in das „Reich des Todes“ (ad inferos) ist der Tiefpunkt seiner Entäußerung in die Gottferne der Menschen und wird zum Wendepunkt: Alle empfangen „in Christus dein göttliches Leben“ – so formuliert die Präfation III von Weihnachten das Erlösungsgeschehen.

„Sei wie Gott, werde Mensch“

Im gängigen „Weihnachts-Christentum“ (M. Morgenroth) verblasst indes nicht nur die menschliche Erfahrung von Scheitern, Schuld und Tod, sondern die Mensch­wer­dung Gottes vor der Menschwerdung des Menschen. Umgekehrt halten auch Nicht-Glaubende das integrative und versöhnlich-friedenstiftende Potenzial des Weihnachtsfestes hoch: Sie sehen mit der Forderung, Weihnachten ausschließlich christlich zu feiern „nicht nur nichts gewonnen, sondern viel verloren“. In Zeiten fragil gewordener Menschlichkeit bleibt Weihnachten also die große Hoffnung und ein Fest für alle. - Dr. Ingrid Fischer 

Eine Reihe von „Kirche bunt“ in Zusammenarbeit mit den THEOLOGISCHEN KURSEN der Erzdiözese Wien und der Österreichischen Bischofskonferenz.