Das Kirche bunt Team bei der Verabschiedung von Mag. Josef Wessely, dem langjährigen Chef vom Dienst, mit Bischof DDr. Klaus Küng, mit Generalvikar Prälat Mag. Eduard Gruber, dem neuen Herausgeber von Kirche bunt und mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfriednton Leichtfried

Kirche bunt ABO

Banner Kirche Bunt

 
 

Für Lebende und Verstorbene beten

Foto: Frank Middendorf - stock.adobe.com

Unsere Fastenserie, Folge 6 von Abt Michael Karl Prohaska OPRAEM. Das Fürbittgebet für die Lebenden und Verstorbenen hat einen festen Platz in der Liturgie der Kirche und im persönlichen Beten – nicht nur zu Allerseelen oder besonderen Gedenktagen. Es lässt uns – mit einem Wort von Papst Franziskus – die liebende Gemeinschaft Gottes erfahren, in der die Lebenden und die Toten geborgen sind.

Unvergesslich wird mir bleiben, als Papst Franziskus an seinem Wahlabend auf die Loggia des Petersdomes trat und, bevor er den Segen „urbi et orbi“ spendete, die Gläubigen auf dem Petersplatz mit schlichten Worten um ihr Gebet bat. Eine der geläufigsten Redewendungen lautet „jemanden ins Gebet nehmen“. Man versteht darunter, jemanden ermahnen, ihn zurechtweisen, ihn dazu zu bringen, seine Verhaltensweisen zu ändern usw. Wie immer man den Ursprung dieser Redewendung verstehen möchte, sinnvoll erscheint mir auf jeden Fall die Bedeutung „jemanden mit ins Gebet aufnehmen“ bzw. „in die Fürbitte einschließen, sich um jemanden sorgen“. Dadurch nehme ich die Anliegen und Sorgen meines Mitmenschen überhaupt erst wahr und mache mir seine Anlie­gen zu meinen eigenen. Das bedeutet, zu lernen, mit den Augen des Anderen zu schauen. Gleichzeitig will ich ihm damit sagen: „Wir bleiben in Verbindung!“ Damit ist meiner Mei­nung nach etwas sehr Wesentliches über das christliche Fürbittgebet ausgesagt!

Zu einem Leib verbunden in der Gemeinschaft mit Christus

Wenn ich die Göttliche Liturgie im byzantinischen Ritus feiere, dann beginnt der Got­tesdienst nach dem Eingangssegen mit einer langen Fürbittlitanei, in der aller Lebenden und Verstorbenen gedacht wird. Diese Art von Fürbittgebet durchzieht die gesamte Gottesdienstfeier wie ein roter Faden. Wenn für westliche Christen die ständigen Wiederholungen zunächst etwas befremdlich wirken, erschließt sich das bei genauerem Hinsehen als ein tieferes Verstehen: Es geht um Empathie, um die Verbindung untereinander, die Communio, die es ermöglicht, uns nicht als isolierte Individuen zu begreifen, sondern als eine in Christus begründete Gemeinschaft, die durch Taufe und Firmung „zu einem Leib“ verbunden ist. Und diese Verbindung hört auch mit dem Tod nicht auf! Der französische Philosoph Gabriel Marcel sagte einmal: „Lieben, das heißt zum Andern zu sagen: Du, du wirst nicht sterben.“ Darum gedenkt die Kirche im Fürbittgebet auch und gerade der Verstorbenen!

Besonders in der E­ucha­ris­tie­feier wird dies meiner Meinung nach besonders sichtbar: Es geht nicht so sehr darum, dass wir eine Messe für einen Verstorbenen aufopfern, „für ihn lesen lassen“. Im Gegenteil: In der Eucharistie wird das Realität, was das Zweite Vatikanische Konzil als die Feier des „Paschamysteriums“ bezeichnet hat. In der Messfeier wird der Übergang von der Dunkelheit zum Licht, von der Traurigkeit zur Freude, vom Tod zum Leben liturgisch erfahrbar gemacht. Hier wird auch deutlich, dass Christus durch sein Sterben und seine Auferstehung die Trennmauer zwischen Tod und Leben überwunden hat und auch wir schon hier und jetzt Anteil an dieser Todesüberwindung haben.

Grundgelegt wird diese Erfahrung in der Taufe, wenn wir mit Christus sterben und auferstehen! Für mich persönlich wird dies in besonders eindrücklicher Weise in der Feier der ostkirch­lichen Liturgie ausgedrückt: Der Priester bereitet vor dem eigentlichen Beginn der Liturgie die Gaben in der sogenannten „Proskomidie“. Dabei schneidet er aus dem liturgischen Brot, der Prosphore, verschiedene Teile, die allesamt ihre symbolische Bedeutung haben. Der zentrale Teil ist das Lamm, also Christus selbst, das in die Mitte des Diskos, der Patene gelegt wird. Um das Lamm, also um Christus herum, werden die anderen Teilchen gelegt, für die Gottesmutter, die Heiligen, die Lebenden und die Verstorbenen. Schluss­end­lich bittet der Priester Gott, sie zu segnen und derer, die sie dargebracht haben, sowie derer, für die sie dargebracht wurden, zu gedenken. Diskos und Kelch werden dann in feierlicher Prozession durch die Kirche getragen und auf den Altar gestellt. Die Gaben werden in Leib und Blut Christi gewandelt und die symbolischen Teile für die Heiligen, Lebenden und Verstorbenen im Kelch mit dem Blut Christi vereinigt. So ist das Gebet – insbesondere das liturgische Gebet – ein Werk der Barmherzigkeit, aber nicht im Sinne des Mitleids, sondern Ausdruck der Einheit in Chris­tus! Es ist ein Zeichen der Verbundenheit, der Freundschaft und der Gemeinschaft, die nicht durch menschliche Sympathie begründet ist, sondern durch Christus grundgelegt wird. Deshalb bezeichnen wir einander in der Liturgie als „Schwestern und Brüder“, was wir auch in Wirklichkeit sind.

In meiner klösterlichen Gemeinschaft wird das Fürbittgebet für die Lebenden und Verstorbenen in besonderer Weise gepflegt. Auf meine Ini­tiative hin gedenken wir in den Fürbitten der Laudes jener Mitbrüder, die ein Jubi­läum, einen besonderen Gedenktag oder ein besonderes Anliegen haben. In der Konventmesse und am Ende jedes Stundengebetes wird ausdrücklich der Verstorbenen gedacht und werden sie der Barmherzigkeit Gottes anvertraut! So sagte Papst Franziskus in einer Ansprache sehr treffend: „Das Gebet füreinander lässt uns im Willen Gottes wachsen und immer mehr seine liebende Gemeinschaft erfahren, in der die Lebenden und Toten geborgen sind.“

 

 

Impulse

  • Das Gebet für Lebende und Verstorbene ist das Salz der Erde, der Sinn der Welt, die Frucht, um derentwillen sie erhalten wird. Wenn die Erde keine betenden Menschen mehr hervorbringt, dann wird ihr die Kraft, die sie vor dem Untergang bewahrt, genommen. (Nach dem Hl. Siluan vom Berg Athos)
  • Wähle dir einen Menschen aus, für den du beten willst: Überlege, was er braucht, was seine besonderen Sorgen sind, wonach er sich sehnt. Dann bitte Gott, dass seine Liebe ihn erfüllt und dass er verstehen lernt, sich geliebt und angenommen zu wissen. Und verbinde nun ein Gebet in besonderer Intention für diesen Menschen.
  • Wähle dir einen Verstorbenen aus, für den du besonders beten willst. Zünde eine Kerze vor einem Kreuz oder einer Ikone an und bete für ihn, dass er nun im Licht ist, dass er aber auch für dich eintritt und dich vom Himmel her begleitet

 

Der Autor

Abt Prälat Mag. Mi­chael Karl Pro­házka wurde 1956 in Wien geboren. Er trat 1979 in das Prämonstratenserstift Geras ein, studierte Theologie in Wien, Freiburg im Breisgau und Rom und empfing 1983 die Pries­terweihe. 2007 wurde er zum Abt des Stiftes Geras gewählt. Seit September 2017 ist  Abt Archimandrit Proházka Kirchenrektor der byzantinischen Kapelle im Stift Geras, die zu Beginn seiner Amtszeit eingerichtet wurde.