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Einsam beim „Fest der Liebe“

Weihnachten gilt als „Fest der Liebe“ und wird meist im Kreis der Liebsten gefeiert. Doch Bilder einer heilen Welt können den Druck auf Menschen erhöhen, die – aus welchen Gründen auch immer – einsam sind.

In Großbritannien wurde Anfang des Jahres ein „Ministerium für Einsamkeit“ geschaffen. Die Staatssekretärin für Sport und Ziviles, Tracey Crouch, soll der zunehmenden Vereinsamung von wachsenden Teilen der Bevölkerung entgegenwirken. Mehr als neun Millionen der knapp 66 Millionen Briten fühlen sich laut Rotem Kreuz immer oder häufig einsam. Das Rote Kreuz spricht im Zusammenhang mit Einsamkeit auch von einer „Epidemie im Verborgenen“, die Menschen in den unterschiedlichsten Lebensphasen treffen könne. Und auch in unserem Land steigt das Risiko, Einsamkeit zu erleben, denn traditionelle Familienstrukturen gehen zu­rück, die Zahl der Single-Haushalte steigt, dazu kommt die gestiegene Mobilität: Immer weniger Berufstätige wohnen im selben Ort wie die Eltern, und die Kinder können sich mittlerweile über die ganze Welt verteilen.

Besonders trifft es Menschen, die allein gelassen wurden

Jedes Jahr stellt besonders ein Fest diejenigen, die allein sind, auf eine harte Probe: Weihnachten, das Fest der Liebe und der Familie. Besonders trifft das Gefühl von Einsamkeit jene, die allein gelassen wurden: die Alten und Kranken, die Verwitweten, die Sitzengelassenen. „Einsamkeit schmerzt zu Weihnachten doppelt“, erzählt Irmgard Bayrhofer von der Telefonseel­sorge der Diözese St. Pölten. 

Weil Weihnachten in Medien und Gesellschaft häufig zu einem Fest der heilen Familie, der Geschenke und der Geborgenheit stilisiert wird, wächst in dieser Zeit der Druck auf jene Menschen, die alleine leben, die einen kleinen Freundeskreis haben, deren Familie auseinandergebrochen ist oder die unter einer psychischen Erkrankung leiden. „Manche Anrufer stellen auch Fragen, die den Glauben betreffen, wie z. B. ob Jesus auch für sie auf die Welt gekommen ist. Manche sagen: Ich möchte ja glauben!“, schildert Irmgard Bayerhofer. Viele Gespräche erreichten eine grö­ßere Tiefe zu Weihnachten als zu jeder anderen Zeit im Jahr.

Gemeinsam statt einsam

Zu Weihnachten 2016 kam dem Softwarespezialisten Christian Fein die Idee, Menschen zusammenzubringen, die sich einsam fühlen. Die Resonanz auf Twitter war so groß, dass das Format sogar die Sängerin Helene Fischer vom ersten Platz verdrängte. Daraufhin gründete Fein in Deutschland mit Rü­cken­deckung der evangelischen Kirche den Verein „Keiner bleibt allein“ für seelischen Austausch und gegen Einsamkeit, der auch reale Begegnungen vermittelt (www.keinerbleibtallein.net).

Auch die Emmausgemeinschaft St. Pölten organisiert am 24. Dezember zwei Weihnachtsfeiern, die für alle offen sind, auch für jene, die alleine sind, aber gerne mit anderen zusammen feiern wollen. Im Frauenwohnheim wird gemeinschaftlich gesungen, Gedichte werden aufgesagt und das Weihnachts­evangelium gelesen. Außerdem gibt es Packerl für alle. Im Emmaus-Männerwohnheim Kalvarienberg spielt ein Ensemble irische Weihnachts- und Segenslieder, danach gibt es eine gemütliche Jause und die Bescherung der Gäste. - ph