Interview mit Bischof Schwarz

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Ein Stein vom Turm zu Babel

Etemenanki (sumerisch: „Haus des Himmelsfundaments auf der Erde“) – so lautet der Name des Turms von Babel in der ältesten Überlieferung. Auch in der Bibel spielt er eine wichtige Rolle. Erst 1913 wurden seine Fundamente wieder entdeckt. Ein Ziegel davon gab nun unter dem Computertomografen seine Geheimnisse preis.

Ein Lehmziegel aus dem Archiv der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) hatte es dem Archäologen und Historiker Dr. Jan Graefe schon vor Jahren angetan: Was hat es auf sich mit diesem Stück Stein, das zum Turm zu Babel gehören soll und einen Stempel mit dem Namen des einstigen Königs von Babylon, Nebukadnezar, trägt? Und um was genau handelt es sich bei den schwarzen Anhaftungen an dem Ziegel?

Der bekannte Mythos aus dem Alten Testament, der in den rund 2000 Bibeln im Bibelmuseum der WWU in Münster beschrieben wird, ist das eine. Der helle, acht Kilogramm schwere Stein ist das andere. Er stammt aus Grabungen Robert Koldeweys (1855-1925) von 1913. Der Bauforscher entdeckte die im Alten Testament und bei Herodot erwähnten Fundamente eines antiken Turms zu Babel in Babylon im heutigen Irak. Das Bibelmuseum der WWU erhielt den einen Stein als Dauerleihgabe von der „Schoyen Collection“, einer privaten, vom Norweger Martin Olsen Schoyen (1896-1962) gegründeten Sammlung historischer Schriften und Objekte.

Die Koldewey-Funde – etwa 155 Steine vom Turm gibt es noch – sind weltweit in vielen Museen verstreut. „Die genaue Zusammensetzung der Steine ist unbekannt“, erzählt Jan Graefe, Kustos des Bibelmuseums. Die zündende Idee, dem Stein aus der Zeit des babylonischen Königs Nebukadnezar (gestorben 562 vor Christus) näher zu kommen, hatte schließlich ein befreundeter Archäologe. „Frag doch mal im Universitätsklinikum Münster nach, ob deren Fachleute den Stein im Computertomografen untersuchen könnten“, meinte dieser zu Jan Graefe. Gesagt, getan. „Als universitäre Radiologie unterstützen wir solche Projekte immer gerne“, betont der Mediziner Prof. Dr. Boris Buer­ke. „Und einen Stein des Turms von Babel zu untersuchen, war allein aufgrund seines Alters außergewöhnlich.“

Nach der Analyse der verschiedenen Schichtaufnahmen steht fest, woraus der Lehmziegel genau besteht und wie er seine „Gravur“ erhielt. „Man kann anhand der CT-Bilder sogar nachvollziehen, wie der Stempel in den feuchten Lehm gedrückt wurde.“

„Es stimmt, was in der Bibel steht: Es ist Bitumen.“

Mit Blick auf die Bilder waren Pflanzenreste und Halme zu erkennen, wahrscheinlich aus Gras oder Stroh. „Dabei handelt sich wahrscheinlich um Druschreste, die man damals bei der Ziegelherstellung offensichtlich zur Stabilisierung des Materials einsetzte“, berichtet Jan Graefe.

In einem nächsten Schritt wollte er wissen, was es mit der schwarzen Masse am Stein auf sich hat. In der Bibel ist an dieser Stelle von Bitumen die Rede. Das griechische Wort dafür ist „asphaltos“, es wird heute auch als Erdharz bezeichnet. Es galt als Bindemittel im Mauerbau, was die Anhaftungen am münsterschen Turm-Lehmziegel erklären würde.

Aber ist es das tatsächlich? „Ja. Es stimmt, was in der Bibel steht: Es ist Bitumen“, fasst Dr. Christian Brinkmann, Leiter des „tesa“-Analytik-Labors in Norderstedt bei Hamburg, seine umfangreichen Analysen zusammen. Mit Rasterelektronenmikroskopie, Mikro-Computertomografie und Infrarotspektroskopie in Laboren des Klebstoffherstellers rückte der Chemiker einer kleinen Probe der schwarzen Masse zu Leibe. „Es ist nicht nur Bitumen“, stellte er fest, „was es auch als Naturprodukt gibt. Die Masse hat eine makroskopische Struktur, die heutigen Hochleistungs-Klebebändern entspricht.“

Jan Graefe, der als Wissenschaftler im Bibelmuseum den Wortlaut des griechischen Neuen Testaments ergründen hilft, ist nach wie vor begeistert davon, dass die Experten so viele Details zu dem Lehmziegel entschlüsseln konnten. Nun hofft er noch, durch den Vergleich mit anderen Steinen jene umlaufenden Stufen am Turm zu Babel nachzuweisen, die der griechische Chronist Herodot erwähnt.

 

Juliane Albrecht/Pressestelle der Universität Münster

Quelle: Westfälische Wilhelms-Universität, Schlossplatz 2, 48149 Münster

www.uni-muenster.de