Interview mit Bischof Schwarz

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Ein neues Gnadenkleid für die Magna Mater Austriae

Foto: zVg

156 Liebfrauenkleider werden in den Schatzkammern der Basilika in Mariazell aufbewahrt. Seit Ende September sind es 157, denn im Rahmen der elften Sänger- und Musikantenwallfahrt wurde ein von Dirndlschneiderin Theresa Hirtzberger aus Spitz an der Donau kunstvoll gefertigtes Kleid überreicht und der Marienstatue angelegt.

Fürchtet euch nicht…“ war das Motto der nur alle vier Jahre stattfindenden Sänger- und Musikantenwallfahrt Ende September nach Mariazell. Ein besonderer Höhepunkt dabei war die Übergabe des Liebfrauenkleids an Pater Superior Dr. Michael Staberl im Rahmen eines Einkleidefestes. Anlässlich der elften Sänger- und Musikantenwallfahrt sei es dem Verein der Freunde und Förderer der Mariazeller Wallfahrt ein Anliegen gewesen, der Magna Mater Austriae ein Kleid zu schenken, hieß es dazu aus dem Verein.

Viele Stunden Handarbeit

In vielen Stunden Handarbeit hat  Theresa Hirtzberger aus Spitz in der Wa­chau das in blau gehaltene Liebfrauenkleid aus Samt und Seide mit Bordüren – versehen mit hunderten Glasperlen – angefertigt. Nach der Über­gabe zeigte sich die Dirndlschneiderin tief berührt. „Es waren Tage voll Demut, Ehrfurcht, Nächs­ten­liebe, Gemeinschaft und Menschlichkeit! Ich danke allen, die an dieser Wallfahrt teilgenommen haben und mir voll Vertrauen diese einmalige Gelegenheit gegeben haben, etwas entstehen zu lassen, das als besondere Votivgabe voll Zuversicht und Dank überreicht werden konnte. Es wird von nun an für immer Teil dieses geschichtsträchtigen Platzes sein und hoffentlich viele Pilger und Besucher erfreuen.“ 

Eine jahrhundertealte Tradition

Das Schenken von Liebfrauen- bzw. Gnadenkleidern hat eine jahrhundertealte Tradition: Schon vor 600 Jahren hat man begonnen, für die Maria­zeller Gnadenstatue Kleider zu nähen und Mutter und Kind mit vergoldeten Silberkronen zu schmücken. Die romanische Statue aus Lindenholz stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist schlicht. Die Liebfrauenkleider aus Brokat, Seide oder Samt hingegen sind prächtig und kostbar und wurden meist von adeligen Damen gespendet.

Im Kirchenschatz in Mariazell befinden sich heute 157 solcher Marien- bzw. Gnadenkleider. Und wären in der Zeit von Josef II. ab 1780 nicht alle Kleider verkauft worden, gäbe es heute wohl einen weit größeren Bestand an Gnadenkleidern.

Wieviele und welche Marienkleider es für die Mariazeller Muttergottes-Statue vor der Zeit von Josef II. gab, lässt sich heute nicht einmal mehr erahnen. „Aufzeichnungen darüber gibt es leider keine, aber es  waren bestimmt viele“, sagt Chris­tine Liebmann, die als Textilrestauratorin für die Marienkleider in Mariazell zuständig ist. Aus dem ersten Bestand der Marienkleider ist nur ein kostbares Unterkleid erhalten – aus purem Zufall, weil es wohl verlegt worden war. Es handelt sich dabei um ein Gnadenkleid, das P. Eugen Inzaghi (1689-1760) spendete – ein ehemaliger Abt vom Stift Sankt Lambrecht. Von diesem Stift aus war Mariazell bekanntlich 1157 gegründet worden und entwickelte sich über die Jahrhunderte zum wichtigsten Wallfahrtsort in Österreich. Der Titel der „Magna Mater Austriae“, der „großen Mutter Österreichs“, geht übrigens auf Kaiser Ferdinand II. (1578-1637) zurück, der im Mausoleum in Graz begraben liegt.

Die Geschichten hinter den Liebfrauenkleidern

Doch mit dem Verkauf der Kleider wurde die alte Tradition der Liebfrauenkleider nicht abgestellt. Noch zu Lebzeiten Josef II. wurden für die Muttergot­tesstatue in Mariazell neue Gnadenkleider gespendet. Die ersten beiden von niemand geringerem als den Schwes­tern des Kaisers:  Erzherzogin Maria Elisabeth von Österreich und Erz­herzogin Maria Anna „Marianna“ von Habsburg-Lothringen.

Viele der seit jener Zeit geschenkten Gnadenkleider geben etwas über die Spenderin preis oder erzählen Geschichten: Wie jenes Marienkleid, das ein US-amerikanisches Ehepaar 1970 nach Mariazell brachte – verbunden mit der Bitte um Fürbitte Marias, dass ihr Sohn wohlbehalten aus dem Vietnamkrieg zurückkehren möge.

Ob diese Bitte erhört wurde, ist, so Frau Liebmann, nicht bekannt. Von einem guten Ausgang hingegen erzählt das Kleid, das eine Volksschulklasse aus Reichenau an der Rax bas­telte: Für die Genesung eines an Leukämie erkrankten Schulkindes hatte die Klasse die Muttergottes in Mariazell um Fürbitte angerufen. Als die Bitte erhört und das Kind wieder gesund wurde, bastelten die Schüler aus Dankbarkeit ein farbenprächtiges Seidenkleid für die Mariazeller Muttergottes, das 2012 in einer berührenden Dankfeier übergeben wurde.

Im Kirchenschatz befindet sich auch eines mit den Wappen von acht Ländern, die am Mitteleuropäischen Katholikentag 2004 in Mariazell beteiligt waren: Österreich, Ungarn, Slowakei, Tschechien, Polen, Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzegowina. 

Der Großteil der 157 Gnadenkleider wird unter der fachgerechten Obhut von Christine Liebmann in der Nordschatzkammer in Mariazell (nicht öffentlich zugänglich) aufbewahrt, vier Kleider können aber in der Südschatzkammer besichtigt werden. Und erst kürzlich waren im Rahmen des 800-Jahr-Jubiläums der Diözese Graz-Seckau 20 prächtige Gnadenkleider im Diözesanmuseum ausgestellt.

Die Bedeutung der liturgischen Farben

Wann der Muttergottes-Statue welches Kleid angelegt wird, hängt von den liturgischen Zeiten im Kirchenjahr ab: Goldfärbige Kleider werden ihr beispielsweise an den Hochfesten angelegt, violette zu den Fastenzeiten, rote an Märtyrertagen und blaue an den Marientagen. Das im Rahmen der Sänger- und Musikantenwallfahrt überreichte Liebfrauenkleid wird die Mariazeller Muttergottes bis Advent tragen – danach, wenn es liturgisch passt. Sonja Planitzer