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Interview mit Bischof Schwarz

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Ein leidenschaftlicher Gotteszeuge

Einer der profiliertesten und weltweit einflussreichsten Theologen feiert in diesen Tagen, am 5. August, seinen 90. Geburtstag: Johann Baptist Metz. Er konnte die theologische Landschaft wie kaum ein anderer innovativ verändern.

Die oft kühnen Vorstöße des Theologen Johann Baptist Metz haben sich auch weit über die Grenzen der Kirchen hinaus Gehör verschafft. „Radikal“ ist dieses Denken vor allem deshalb, weil es sich mit biblisch-geschärftem Weltblick weit vorwagt an die Fronten der gegenwärtigen Kämpfe um die bedrohte Zukunft der Menschheit. Der 1928 in Auerbach (Oberpfalz) geborene Johann Baptist Metz promovierte 23-jährig in Philosophie mit einer Arbeit über Martin Heidegger und anschließend bei Karl Rahner mit einer Studie über Thomas von Aquin. 1969 wurde der wohl bedeutendste Rahner-Schüler zum Professor für Fundamentaltheologie an die Universität Münster berufen.

Bereits der junge Metz kritisierte hellsichtig theologische Entwürfe, in denen die gesellschaftliche Verflochtenheit des Einzelnen ausgeblendet bleibt. Der „Andere“ in seiner Andersheit rückte immer weiter in dieses Denken ein und rief nach einer „öffentlichen“ Verantwortung des Glaubens im Blick auf die Herausforderungen der Mit-Welt. Als Studenten fanden wir es spannend und geradezu aufregend, wohin diese Schritte führen sollten, bis dann in dem tastenden Suchen der „rote Faden“ einer „Neuen Politischen Theologie“ sichtbar wurde, die in Zeiten der Differenz, der Andersheit und Pluralität ihre kompetente Erschließungskraft entfaltet.

Verbindung mit der Diözese St. Pölten

Wien war wiederholt Diskussionsort und Exerzierfeld kühner Denkvorstöße: So schon 1965, als der junge Theologe öffentlich mit Ernst Bloch über den Utopie-Gedanken diskutierte bis hin zu den Veranstaltungen „Pro-Wien“ des damaligen Wissenschaftsministers Dr. Erhard Busek. Und schließlich im Rahmen einer Gastprofessur an der Universität Wien (1993-1996), die ihm 1994 die Ehrendoktorwürde verlieh. In diese Zeit fallen auch seine Kontakte mit unserer Diözese, speziell mit der Pfarre Säusenstein, die sich noch gerne an das kraftvolle Wort seiner Predigten bei Gottesdiensten erinnert. Lange war Ybbs seine zweite Heimat, in der auch gemeinsame wissenschaftliche Projekte entstanden.

In den gesellschaftlichen Umwälzungen Europas war der Theologie längst schon eine „politische Denkform“ abverlangt, auch wenn dies erst spät erkannt und im katholischen Raum erstmals von J. B. Metz eindrucksvoll und konsequent entwickelt wurde. Es galt das Christentum in praktischer Hinsicht als „Verhalten zu den Anderen“ sichtbar zu machen. Denn es ist in seinem Kern keine Lehre, sondern eine Praxis. Einem nur „geglaubten Glauben“, der dieses praktische Zeugnis verdrängt, muss auch die Tröstungskraft der biblischen Verheißungen verlorengehen.

Metz ringt um die Universalität des biblischen Gottesgedächtnisses. Denn Gott ist ein „Menschheitsthema“ oder überhaupt kein Thema. Und deshalb hat jeder – auch der Ungläubige – ein Recht, bei diesem Thema gehört und nicht nur belehrt zu werden. So durchbricht Metz den in sich geschlossenen Zauberkreis einer kirchlich verschlüsselten Gottesrede, die mit ihrem Zuviel an Antworten und Versöhnungspathos die beunruhigenden Fragen der Menschen verdrängt. Nicht nur die singuläre Katastrophe von Auschwitz im Herzen Europas, auch das zum Himmel schreiende Leid auf den Kriegsschauplätzen unserer Erde wie das Elend blind wütender Naturkatastrophen – solche Einbrüche verlangen eine Theologie, die sich das Unheil nahegehen lässt und es in eine Frage an Gott selber bringt. Im Gespür für das Negative, das Unversöhnte und Unversöhnbare, für nichtverjährte Schuld und noch mehr für das Leid Unschuldiger lässt sich das christliche Gottesgedächtnis auch mit anderen Lebenswelten verbinden und Gott als das „noch nicht zu Ende gebrachte Geheimnis der Zeit“ erahnen.

Die Rede über Gott wurzelt demnach in der „Rede zu Gott“, sie weiß sich fundiert im menschheitlichen „Schrei nach Gott“, ist „reflexive Gebetssprache“ und erzwingt in ihr den Raum eines „Vermissens“, das Gott mit seiner rettenden Zukunft standzuhalten sucht. So bleibt die biblische Verheißung in der menschheitlichen Leidensgeschichte eine „Hoffnung im Widerstand“. In diesem leidgeschärften Weltblick gewinnt die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe immer mehr die Züge einer „Mystik der offenen Augen“.
Der Autor dieser Zeilen durfte auf Einladung des Jubilars das Projekt seiner „Gesammelten Schriften“ konzipieren, bearbeiten und herausgeben (Verlag Herder: 2015-2018). Es soll das Gesamtwerk des weltweit einflussreichen Theologen der Öffentlichkeit näherbringen und seine verheißungsvollen Impulse christlicher Weltverantwortung in unserer globalisierten Weltgesellschaft erhalten. Mit der nun abgeschlossenen Reihe verbindet der Herausgeber den Dank an einen Freund und langjährigen theologischen Wegbegleiter. Em. Univ. Prof. DDr. Johann Reikerstorfer

 

Impulse und Gespräch

DDr. Johann Reikerstorfer legt zentrale Motive Metz’scher Theologie für christliche Weltverantwortung in unserer globalisierten Weltgesellschaft dar und gibt Impulse für das eigene Weiterdenken.
Ort: Bildungshaus St. Hippolyt, St. Pölten
Termin: 13. 11., 19 – 21 Uhr