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Dürfen Kinder auf Bäume klettern?

Foto:  ARochau – stock.adobe.com

Ein Mädchen kletterte im Garten eines Kärntner Kindergartens auf einen Baum. Unglücklicherweise fiel sie vom Baum und brach sich den Arm. Dieser Unfall brachte den Kindergarten vor Gericht: Das Zivillandesgericht Klagenfurt verurteilte den Kinderggarten zu einer Strafe von 9.600 Euro.

Beim Prozess kritisierte Anwald Michael Hirm laut „Kleiner Zeitung“ einen Sorgfaltsverstoß der Betreuerin und merkte an, dass ein Obstbaum kein Spielgerät sei und daher von einer erhöhten Gefährdung auszugehen sei.
Solche Urteile können Unsicherheit auslösen – nicht nur in Kindergärten, sondern bei allen Menschen, die Kinder betreuen oder die Kinder-Veranstaltungen anbieten. Wie viel Sicherheit brauchen Kinder? Wann ist ein ausreichendes Maß an Sorgfalt erfüllt? Wie kann man sich als Veranstalter rechtlich absichern?

Dass sich Rechts- und Haftungsfragen in der Kinder- und Jugendarbeit immer öfter in den Vordergrund schieben, bemerkt Nicole Slupetzky, die Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins. Sie fürchtet, dass Kindern „aus Angst vor Konsequenzen die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird“, wie sie in der Alpenvereins-Zeitung „Bergauf“ (Nr. 1/2018) schreibt. Die Angst vor dem Risiko schiebe sich immer mehr vor die Notwendigkeit der Bewegungsfreiheit und der Eigenverantwortung. Nicole Slupetzky verweist im Weiteren auf verschiedene Ausbildungsprogramme des Alpenvereins für junge Menschen, die zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit Risiken befähigt werden sollen.

… ohne dass Eltern aufpassten

Früher verschwanden Kinder am Nachmittag im Wald, bauten Baumhäuser und gingen den Schulweg zu Fuß. Und kletterten auf Bäume – meist ohne dass ihre Eltern das wuss­ten oder „aufpassten“. Kinder brauchen Bewegung und sie erwerben Geschicklichkeit durch Bewegung und Ausprobieren. Sie müssen lernen, mit Gefahren und Risiken umzugehen und selbstverantwortlich zu handeln.

Andererseits haben die Gefahren für Kinder eindeutig zugenommen, besonders im Straßenverkehr. Heute ist es viel gefährlicher, auf der Straße mit dem Fahrrad unterwegs zu sein als etwa in den 70er-Jahren. Kein Wunder, dass das Thema Sicherheit an Bedeutung gewann. So wird zum Beispiel alles daran gesetzt, Spielplätze sicherer zu machen: Vermeintlich gefährliche Klettergerüste werden entfernt, Kletterstangen verschwinden zugunsten von niedrigen Plattformen und Geländern. Dadurch gehen Unfälle zurück, jedoch sind solche Spielplätze oft nur noch für Kleinkinder interessant.

Australische Wissenschaftler untersuchten Spielplätze in Volksschulen und Tagesbetreuungsstätten. Ihre Studie „Safe outdoor play for young children“ („Sicheres Spielen im Freien für jüngere Kinder“) kam zu dem Ergebnis: Ältere Kinder werden durch zu viele Sicherheitsmaßnahmen davon abgehalten, sich auf Spielplätzen auszutoben. Und wenn Kinder nicht mehr die Möglichkeit zu aufregendem und risiko-reichem Spielverhalten haben, habe das negative Auswirkungen auf ihre körperliche Fitness und auf ihre gesamte Entwicklung.

Sicherheit und Risiko

Eltern und Pädagogen haben die Aufgabe, für die Sicherheit der ihnen anvertrauten Kinder zu sorgen. 100-prozentige Sicherheit können sie nicht gewährleisten: Auch eine Mutter, die neben ihrem schaukelnden Kind steht, kann mitunter nicht verhindern, dass das Kind von der Schaukel fällt. Eltern und Pädagogen müssen den Kindern auch etwas zutrauen und ihnen Freiräume zugestehen (dürfen). Wer lernt, mit Unsicherheit und Angst umzugehen, sich Herausforderungen zu stellen und Lösungen zu suchen, der ist sicher gut auf das Leben vorbereitet.     ph