Die Vertreibung der Sudetendeutschen | Kirche bunt
 

 
Interview mit Bischof Schwarz

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Die Vertreibung der Sudetendeutschen

Nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg wurden die Sudetendeutschen durch die sogenannten Benes-Dekrete aus ihrer Heimat vertrieben.  Vor 75 Jahren, am 12. Mai 1943, gab der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt dazu sein Einverständnis. Insgesamt wurden rund drei Millionen Deutschsprachige aus ihrer Heimat vertrieben - einer davon war Franz Schaden, der damals fünf Jahre alt war und sich im Interview mit „Kirche bunt“ erinnert.

US-Präsident Franklin Roosevelt gab dem tschechoslowakischen Exil-Präsidenten Edvard Beneš seine Zustimmung für den von ihm geforderten „Transfer“ der etwa drei Millionen Deutschen aus den böhmischen Ländern nach dem erhofften Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland. Was im tschechischen Sprachgebrauch als „odsun“, Abschub, und im Deutschen als Vertreibung bezeichnet wird, war eine der größten „ethnischen Säuberungen“ im Nachkriegseuropa. Innerhalb eines Jahres mussten an die drei Millionen Einwohner deutscher Sprache die im Mai 1945 wieder errichtete Tschechoslowakei verlassen. Viele davon traf dabei das Schicksal der „wilden Vertreibung“, das hieß,  innerhalb weniger Stunden mit 30 Kilogramm Gepäck aus ihren Häusern und Höfen über die Grenze nach Österreich oder in  die sowjetische Besatzungszone Deutschlands gejagt zu werden.

Die Zahl der Todesopfer damals ist bis heute ungeklärt und wird es wohl auch bleiben. Tatsache ist, dass die Zeit nach dem Ende des NS-Regimes von einer Reihe von Gewalttaten begleitet war. Infolge der Fußmärsche aus den Sprachinseln von Brünn (Brno)  und Iglau (Ihlava) über mehr als fünfzig Kilometer zur österreichischen Grenze kamen tausende Menschen ums Leben. Die Aussiedlung war der letzte Akt im fast 700-jährigen Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in den historischen Ländern Böhmen, Mäh­ren und Schlesien. Sie war aber auch Teil der neuen europäischen Nachkriegsordnung und Folge der nationalsozialistischen Herrschaft über Zentral- und Osteuropa.

Der tschechische Politiker Edvard Beneš spielte dabei eine Schlüsselrolle. Beneš verhandelte 1919 als Außenminister der neu errichteten Tschechoslowakei den Friedensvertrag von St. Germain. Mit diesem wurden die Deutschböhmen und -mährer (später Sudetendeutsche genannt) gegen deren  Willen dem neuen Staat zugeteilt. Hitler holte die Sudetendeutschen dann ein halbes Jahr nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 „heim ins Reich“. Der gedemütigte Beneš, damals bereits Staatspräsident, musste dem „Münchner Abkommen“, in dem die Großmächte diese Abtretung sanktioniert hatten, zustimmen und ging ins Exil nach London. Schon im März 1939 marschierte Hitler entgegen seiner Aussage, „keinen einzigen Tschechen haben zu wollen“, auch in Prag ein und errichtete mit dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ seine NS-Terror-Herrschaft.

Beneš wurde in seinem britischen Exil wieder aktiv. Für ihn galt der Minderheitenschutz der Jahre davor als gescheitert, die Sudetendeutschen als Verräter am Staat und Verursacher des nationalen Unglücks. In der Nachkriegs-Tschechoslowakei sollte die Zahl der Deutschen daher wesentlich verringert werden. Beneš setzte vorerst auf eine Mischung aus Gebietsabtretungen und Aussiedelungen an und nach Deutschland. Inzwischen betrieb aber Hitler-Deutschland „ethnische Säuberung“: Die böhmischen und mährischen Juden und Roma wurden ermordet, die Tschechen sollten nach dem Krieg zum Teil eingedeutscht, zum Teil ausgesiedelt werden. Aber auch die deutschen „Volkssplitter“ riefen die NS-Machthaber „heim ins Reich“, aus Südtirol, dem besetzten Jugoslawien, der Bukowina, Bessarabien.
Politiker werkten ebenso wie Beneš an Lösungen für  das Problem der deutschen Minderheiten im Nachkriegseuropa. Der britische Premier Winston Churchill plädierte für eine möglichst umfassende Aussiedelung der Deutschen. Stalins Sowjetunion sprang ebenso wie die  eigentlich übernational organisierten tschechischen Kommunisten auf den Zug auf.  

Zu Kriegsende hatte die tschechoslowakische Repräsentanz mitsamt dem wieder nach Prag zurückgekehrten Präsidenten Beneš trotz allem noch keine endgültige Zusage der Alliierten zur geplanten Aussiedelungsaktion. Es kam der tschechischen Politik daher darauf an, „vieles gleich allein in den ersten Tagen zu erledigen“, wie es Beneš  ausdrückte.  Als ausführende Organe dienten  zusammen gewürfelte Partisanen- und Armeeeinheiten. Mit der Verkündung der Präsidial-(„Beneš“)-Dekrete  verloren die Deutschen alle nationalen bürgerlichen Rechte, ihr gesamtes bewegliches und unbewegliches Eigentum und mussten zur Kennzeichnung weiße Armbinden tragen.

Wilde Vertreibung

Die Alliierten verlangten bei ihrer Konferenz  in Potsdam im August 1945 die Einstellung der wilden Vertreibung, stimmten aber dem Bevölkerungstransfer zu.  Im Rahmen der „organisierten Aussiedelung“ wurden rund zwei Millionen Menschen in das besetzte Deutschland gebracht. Dieses Schicksal erlitten auf Betreiben der
Alliierten und der österreichischen Politik auch die Mehrzahl der im Zuge der wilden Vertreibung nach Österreich gekommenen Sudetendeutschen. Von ihnen wurden nur etwa 114.000 (von 360.000) allmählich im Land integriert. Niklas Perzi

 

Erinnerungen eines Zeitzeugen

Franz Schaden, 78, stammt aus der Ortschaft Höflein an der Thaya in Südmähren und wurde am 25. Oktober 1945 mit seiner Familie aus Tschechien vertrieben. Der ehemalige Leiter des Jugendamtes der Bezirkshauptmannschaft St. Pölten ist Mitbegründer der Heimatgruppe St. Pölten der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Herr Schaden, Sie haben 1945 die Vertreibung der Sudetendeutschen als fünfjähriger Bub miterlebt. Was sind Ihre Erinnerungen?
Franz Schaden: Ich kann mich gut erinnern. Es war am Morgen des 25. Oktober 1945, da wurde an unsere Haustür getrommelt. Wir bekamen eine Stunde Zeit, um unser Haus zu verlassen und uns wurde gestattet, 30 kg von unserem Hab und Gut mitzunehmen. Alle Deutschsprachigen mussten sich am Kirchenplatz versammeln – das waren hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Leute, weil die Männer gefallen oder in Kriegsgefangenschaft waren, so wie mein Vater in Frankreich. Es hat schlimme Vorfälle gegeben, so wurden z. B. alte Menschen, die nicht mehr gehen konnten, einfach erschlagen.

Wie sind Sie nach Österreich gekommen?
Franz Schaden: Mein Großvater hatte in Laa/Thaya, das ja nur rund zwei, drei Kilometer von meinem Heimatort entfernt war, ein Haus gekauft, weil meine Mutter und meine Tante dort die Bürgerschule besucht haben. Dorthin konnten wir gehen. Wir, das waren meine Mutter, meine Großmutter, meine Schwester, ich und meine Tante, die gebückt ging. Ich vermute, dass ihr von einem Tschechen Gewalt angetan worden war, so wie es vielen jungen Frauen damals leider geschehen ist.

Wie ging es Ihnen in Österreich?
Franz Schaden: Die Menschen in Österreich hatten ja selbst nicht genug, da waren wir in dieser Not halt auch nicht sehr willkommen. Wir waren die „Daherg’rennten“. Meine Familie musste bei Null beginnen. Meine Mutter hat an verschiedenen Stellen hart gearbeitet. Ich erinnere mich gut an einen Sonntag. Da hat sie in einem Haus, wo sie gearbeitet hat, ein Brot mit etwas Fleisch bekommen. Sie hat das zu Hause mit Kukuruz gestreckt und daraus Fleischlaberln gemacht. Das war das erste Mal, dass ich mich wieder richtig satt essen konnte. Mein Vater kam 1948 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause und musste als Hilfsarbeiter beginnen. Das war bestimmt nicht leicht für ihn. Zu Hause hatten wir ja eine große Landwirtschaft mit Obst- und Weingärten und einem Fischteich.

Haben Sie die Vertreibung je verziehen?
Franz Schaden: Verziehen schon, aber vergessen nicht. Man muss auch sagen, dass nicht alle Tschechen schlecht waren. Es gab auch gute Leute darunter. Ich habe meine Mutter später oft gefragt, warum wir vertrieben worden sind. Sie hat gesagt: „Ich weiß nicht, wir haben niemandem etwas getan.“ Besonders berührt hat mich, als ein Pfarrer vor einigen Jahren bei einem Begräbnis eines Sudetendeutschen gesagt hat: „Das Tragische ist, dass die Heimatvertriebenen das Unrecht der Vertreibung mit ins Grab nehmen müssen.“ Mein größter Wunsch ist, dass dieses Verbrechen, das an uns begangen wurde, nicht weiter tabuisiert wird. Die Beneˇs-Dekrete müssen aufgehoben werden. Besonders jenes Dekret, wo die Gewalt an den Sudetendeutschen straffrei gestellt wird. Interview: Sonja Planitzer