Interview mit Bischof Schwarz

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Die Taufe Jesu – ein „Schöpfungstag“

Wort zum Sonntag Prälat Mag. Michael Karl Proházka. Wie allseits bekannt, feiern die christlichen Kirchen des Westens den 1. September als den ökumenischen Tag der Schöpfung. Dieser Schöpfungstag, der auch liturgisch begangen wird, geht auf die Initiative des Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. zu­rück, der auch den inoffiziellen Beinamen „der grüne Patriarch“ trägt, weil er sich für ökologische Fragen weit über die eigenen Konfessionsgrenzen einsetzt. Weit weniger bekannt sein dürfte, dass es eigentlich einen viel älteren Schöpfungstag gibt, der auch seine tiefe liturgische Symbolik hat, nämlich das „Fest der Taufe des Herrn“.

Während die Christen der byzantinischen Tradition dieses Fest am 6. Jänner gemeinsam mit dem Fest der Theophanie, also der Manifestation des dreifaltigen Gottes in Jesus Chris­tus hier auf Erden feiern, haben die westlichen Christen dieses Fest abgekoppelt und feiern ein eigenes Fest am Sonntag nach Epiphanie. Hier werden wir meistens an unsere eigene Taufe erinnert. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass unser heutiges Fest eine wesentlich tiefer greifende Symbolik besitzt, die sich gerade in der byzantinischen Liturgie am Fest des 6. Jänner ausdrückt, wie wir sie auch an diesem Tag in der byzantinischen Kapelle des Stiftes Geras feierlich begehen. Damit verwirklichen wir einen wichtigen Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils, das in seinem Dekret über die katholischen Ostkirchen ausdrücklich empfahl, die Spiritualität der Kirchen des Ostens den Gläubigen des Westens näher zu bringen und an ihren Früchten teilhaben zu lassen.
Das heutige Evangelium nach Markus berichtet in klaren und nüchternen Worten vom Ereignis der Taufe Jesu durch Johannes und die sich anschließende Offenbarung Jesu als der „geliebte Sohn“. Die Tradition der Ostkirche sieht in diesem Ereignis eine sehr tiefe Symbolik, die sich am besten im Psalm 114 ausdrückt:


Als Israel aus Ägypten auszog,
Jakobs Haus aus dem Volk mit fremder Sprache,
da wurde Juda Gottes Heiligtum,
Israel das Gebiet seiner Herrschaft.
Das Meer sah es und floh,
der Jordan wich zurück.
Die Berge hüpften wie Widder,
die Hügel wie junge Lämmer.
Was ist mit dir, Meer, dass du fliehst,
und mit dir, Jordan, dass du zurückweichst?
Ihr Berge, was hüpft ihr wie Widder,
und ihr Hügel, wie junge Lämmer?
Vor dem Herrn erbebe, du Erde,
vor dem Antlitz des Gottes Jakobs,
der den Fels zur Wasserflut wandelt
und Kieselgestein zu quellendem Wasser.

Es geht hier um eine doppelte Bewegung: Jesus kommt als der lang ersehnte Befreier des Menschen und der gefallenen Schöpfung, indem er sich taufen lässt. Das Wort taufen – wie das im Neuen Testament verwendete griechische Wort „baptizein“ – bedeutet „hinunter-, ein-, oder untertauchen“. So sehen wir es auf den Ikonen, die die Taufe Jesu darstellen. Ursprünglich wurde auch der Täufling ganz untergetaucht, als Zeichen dafür, dass er mit Christus stirbt und zu neuem Leben „auftaucht“, aufersteht. Das bedeutet aber, dass sowohl mit dem, der hier eingetaucht wird, etwas passiert, aber auch mit der Materie, in die er eingetaucht wird.

Die ganze Schöpfung wird befreit

Die Tradition der Ostkirche betont stärker als die der Westkirche die Göttlichkeit Jesu. Wenn Jesus nun in die Wasser des Jordan eintaucht, so offenbart er, dass einerseits hier kein gewöhnlicher Mensch kommt, sondern der Gottmensch selbst, der „geliebte Sohn“ des Vaters, andererseits wird dieses Wasser (symbolisch „der Jordan“) und damit die gesamte Schöpfung durch Jesus verwandelt und wieder zum Guten gekehrt. Deshalb „heiligt“ die Ostkirche an diesem Tag (dem 6. Jänner, dem Fest der Theophanie) das Wasser und damit eingeschlossen die gesamte Schöpfung mit einem besonders feierlichen Ritus der „Großen Wasserweihe“ – entweder, indem man eine Prozession zu einem fließenden Wasser – sei es das Meer oder ein Fluss – abhält, oder stehende Gewässer segnet, indem man das Kreuz in besonders eindrucksvoller Weise eintaucht. Das gesegnete Wasser nehmen die Gläubigen in Fläschchen mit nach Hause, um es als Weihwasser zu verwenden. Hier und jetzt geschieht schon – zumindest fragmentarisch –, was der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt: „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ (Röm 8,21)

Es ist haargenau jenes Ereignis, das wir in diesen Tagen in einer der Weihnachtspräfationen gehört haben: „In ihm (Christus) ist alles neu geschaffen. Er heilt die Wunden der ganzen Schöpfung, richtet auf, was darniederliegt, und ruft den verlorenen Menschen ins Reich deines Friedens.“ Letztendlich geht es im Fest der Taufe des Herrn keineswegs nur um eine Manifes­tation des Gottmenschen Jesus Chris­tus, es ist eine Offenbarung des dreifaltigen und menschenliebenden Gottes, der in seinem Sohn Jesus uns Menschen sein sichtbares Antlitz erfahren lässt. In diesem Sinne singt auch die Ostkirche an diesem Tag in ihrem Festtagstroparion (das ist ein besonderer Tageshymnus):

Im Jordan wirst du, Herr, getauft,
und offenbar wird die Anbetung der Dreifaltigkeit;
des Vaters Stimme Dich bezeugt,
nennt Dich den geliebten Sohn
und der Geist in Gestalt einer Taube
ist des Wortes Bekräftigung;
erschienen bist du Christus, unser Gott,
und erleuchtest die Welt, Ehre sei Dir.