Interview mit Bischof Schwarz

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„Der liebe Gott hat uns Feli nur geborgt“

Katharina Brandner, bischöfliche Medienreferentin der Diözese St. Pölten, verlor im Dezember 2016 ihre zehn Monate alte Tochter Felicitas. Für „Kirche bunt“ schreibt sie vom Leben mit und der Trauer um ihre Tochter.

Es gibt einen uralten Cartoon von Snoopy und Charlie Brown, die am Steg sitzen, und Charlie Brown sagt, „Eines Tages werden wir sterben“, und Snoopy ihm antwortet: „Ja, aber an allen anderen Tagen werden wir leben!“. Vor zwei Jahren ist unsere kleine Tochter Felicitas im Alter von zehn Monaten gestorben, in meinen Armen. Aus einem Kind, dem Ärzte zu Beginn keine Chance gegeben hatten, wurden zehn Monate Leben. Ein langes Leben, das doch so kurz war. Wir haben mit ihr gelebt, im Wissen um ihren baldigen Tod. Und die Tage waren trotzdem voller Leben.

„Alle tun, was sie können“

Es ist ein wunderbarer und ungewöhnlich warmer Februartag im Jahr 2016, als unsere Tochter nach einer unkomplizierten Schwangerschaft zur Welt kommt. Während draußen die gleißende Februarsonne leuchtet, kämpfen drinnen, nach dem Notkaiserschnitt, Ärzte um ihr Leben. An eines erinnere ich mich sehr konkret: dass sich im OP, als es ganz still wird und geschäftiges Treiben rund um mich losgeht, die Hebamme mit Mundschutz und Haube über mich beugt und mit fester Stimme sagt: „Alle tun, was sie können“. Dann endet meine Erinnerung an die Geburt unserer Tochter.

Als ich wieder aufwache, sehen wir den Ärzten beim Kopfschütteln zu, tagelang. Keiner kann so recht sagen, was los ist, was passiert ist, nur eines ist klar: Unsere Tochter wurde lange reanimiert. Und sie hatte bei ihrer Geburt körperlich sichtbare massive Behinderungen, die sich im Lauf der ersten Lebenswochen recht vielfältig manifestieren. In ihren ersten Lebenswochen nehmen wir die Tage und Momente wie sie kommen, immer in der Sorge, dass jeder Alarm der letzte sein könnte. Mitten in die Aufregung einer Intensivstation hinein lassen wir sie an ihrem 5. Lebenstag taufen. Ein Moment, der etwas in uns macht: Wir spüren physisch und eindringlich, dass wir nicht allein für sie da sein müssen. Dass Er uns hilft, und da ist. In ihr ist.

„Wieso gerade ihr?“, das habe ich oft gehört, in den Tagen nach ihrer Geburt, als wäre das Bestreben, ein halbwegs geordnetes und gläubiges Leben zu führen irgendwie Garant dafür, vor allem Unheil verschont zu bleiben. „Wieso nicht auch wir?“ war dann immer meine Antwort. 

Er will Liebe, nicht Leistung

Die große Ruhe, die ich immer hatte, kam auch aus meiner Gewiss­heit, dass Felicitas’ Dasein genau so ist, wie Er sich das ausgedacht hatte. Sie war und ist genauso gewollt, geschaffen, geliebt, nach Seinem Abbild wie wir alle. Ich glaube schlicht, Gott denkt nicht in so weltlichen Kategorien wie wir. Funktionierendes Kleinhirn, Lidschluss, vegetatives Nervensystem… wir brauchen diesen Körper nur einen kurzen Moment unseres Seins in Gottes Hand. Und ich glaube, er will unser DASEIN, nicht unsere Fähigkeiten. Er will Liebe, nicht Leistung. Er ist Liebe.

Ihr Körper war nicht für diese Welt gemacht, sie war von Anfang an, sehr sichtbar, und für uns Eltern oft auch sehr schmerzhaft, ganz Sein Kind. So wie wir alle – nur vergessen wir selbst das im Zuge unserer Fähigkeiten, unserer Ambitionen, unserer Bedürfnisse.

Wenn Menschen zu mir gesagt haben: „Das ist jetzt eine große Prüfung“, bin ich immer innerlich zusammengezuckt. Wie sollte mich Er, der mich gerade so trug, prüfen wollen? Als wäre es eine Belohnung, gesund und munter zu sein. Was für ein Gottesbild ist das! Ein prüfender Gott! Gesundheit als Belohnung? Krankheit als Konsequenz für Unglauben? Er will, dass wir in Fülle leben, mit allem, was dazugehört. Er will, dass das Gebet kein Funktionalismus ist, und trotzdem die größte Kraft ist, die wir Christen zur Verfügung haben. Eine Wunderwaffe, die ankommt, die wirkt, rund um einen und in einem selbst. 

Im vielen Beten am Bett meiner Tochter, deren Zustand sich nicht änderte, deren Wunderheilung ausblieb, deren Verfassung mal stabiler, mal instabiler war, wurde mir jedoch eines klar: Wir wurden alle geheilt – wenn auch nicht sichtbar und physisch. Wir haben Ruhe und Frieden gefunden, um mit diesem Leben, dieser Situation umgehen zu können. Unsere Wunderheilung war eine Wundenheilung.

Unser Sohn Nikolaus – der vier Jahre alt war, als seine kleine Schwester starb – hat einmal gesagt, als ich wieder einmal versucht habe, ihm zu erklären, dass sie sterben wird: „Ah! Jetzt weiß ich was du meinst! Der liebe Gott hat uns Feli nur geborgt. Und irgendwann will er sie zurück. Und dann müssen wir sie ihm geben, weil sie ihm gehört und nicht uns.“ Wir sind die Eltern von zwei wundervollen Kindern: eines fest an der Hand, das andere fest im Herzen.

Nicht aufhören, über Felicitas zu sprechen

Das wichtigste Ritual ist für uns, nicht aufzuhören, über Felicitas zu sprechen. Ich empfinde es schmerzhafter, nicht von ihr zu erzählen, als über sie zu sprechen. Nicht nach ihr gefragt zu werden empfinde ich als belas­tend, denn ihr Tod ist, egal wohin ich komme, ohnehin der „Elefant im Raum“. Die Trauer um Kinder mit Behinderungen stößt ohnehin auf viel Unverständnis. Wenn nach Felicitas’ Tod Menschen zu mir gesagt haben, dass sie nun erlöst sei und sie es nun besser habe im Himmel, hat mich das wirklich sehr getroffen. Als müsste ich froh sein, dass sie gestorben ist, weil sie eine Behinderung hatte. Dabei war das das einzige Leben, das sie hatte und das wir mit ihr hatten.

Ihr Fehlen jeden Tag aushalten

Wir sollten uns von der Vorstellung befreien, dass nur das Leben gut ist, das der Norm entspricht. Dass nur ein Leben lebenswert ist, das frei von Schmerzen und Leid ist. Ihre Behinderung war ein Faktum, aber kein Maßstab. „Felicitas fehlt überall“, sage ich oft. Die Trauer um sie bedeutet für uns, ihr Fehlen jeden Tag aufs Neue auszuhalten, jeden Tag aufs Neue in unser Leben zu integrieren. Trauer bedeutet eben nicht, eine Zeit lang in einer Ecke zu sitzen und zu weinen, und irgendwann wird das besser und man hat es „hinter sich gebracht“. Das ist eine völlig falsche Vorstellung von Trauer. Auch der Glaube an die Auferstehung, an ihre Auferstehung, heißt nicht, dass ihr Fehlen auf dieser Welt nicht an manchen Tagen unerträglich ist. Traurig zu sein heißt nicht, kein guter Katholik zu sein. Getröstet zu sein heißt ja nicht, nicht mehr traurig zu sein. Sondern den Schmerz auszuhalten. Trauer ist Liebe, die nirgends hin kann.

Es liegt eine ungeheure Kraft darin, dem Tod ins Auge zu blicken. Bis zum Schluss. Wir haben ihm nicht die Kontrolle über uns überlassen. Er ist Teil unseres Lebens geworden, aber nicht mehr. Felicitas ist unser Schatz bei Gott. Wo sie ist, ist unser Himmel.

 

Ich wurde nicht gefragt

bei meiner Geburt

und die mich gebar

wurde auch nicht gefragt

bei ihrer Geburt

niemand wurde gefragt

außer dem Einen

und der sagte

Ja.

(Kurt Marti)