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Das Bereitmachen des Herzens

Wort zum vierten Adventsonntag von Bischof Alois Schwarz: Wir sind fast angekommen. Unser Gott wird Mensch werden und uns zu neuen Menschen machen. Und wovon erzählt uns das Evangelium? Von Herrschern, von Macht, von Riesengroßem, vom Donnerrollen und von der Stärke Gottes? Nein. Es erzählt uns vom Kleinen, vom Ungeborenen, vom Allerschwächs­ten und Zerbrechlichsten auf unserer Welt. Es ist die Freude zweier Frauen über das Leben ihrer ungeborenen Kinder, die uns in der Frohbotschaft an diesem 4. Adventsonntag begegnen – und Weihnachten ganz nah bringen.

Es ist auch die Vorfreude auf die Geburt dieser Kinder. Wenn ein Kind in der Geborgenheit seiner Mutter heranwächst, wird viel hergerichtet, vorbereitet, bereit gemacht. Dieses Kind wird einen wichtigen Platz in unserem Leben einnehmen. Diese Vorfreude, das tägliche Fragen „Wann wird es wohl soweit sein…“ kann unsere Grundstimmung sein, so kurz vor der Heiligen Nacht, wenn Gott in Jesus Christus Mensch wird, und sich für uns alles ändern wird.

Alles hinter sich lassen

Maria und Elisabet sind zwei Frauen außerhalb der Norm. Die eine ist schon „zu alt“, um Kinder zu bekommen und trägt doch ein Kind am Herzen. Die andere ist nicht verheiratet und dennoch schwanger – sie ist also ebenfalls außerhalb der Norm. Zwei Frauen, die nicht in das Schema dessen, was sich gewöhnlich und „an sich“ gehört, passen. Und dennoch sind beide Frauen „gesegneten Leibes“. Die junge Frau Maria macht sich auf den Weg. Vier Tage dauert die Reise. Sie muss über Berge und Hügel gehen. Beschwerlich ist der Weg, um zu Elisabet zu kommen. Sie muss auch die Hügel von Vorurteilen überschreiten und hinter sich lassen, um weiter zu kommen zu ihrem Ziel, zu dem sie Ja gesagt hat. Sie muss all das, was die Menschen über sie denken oder reden, die Scham und Verdächtigung überwinden, damit die Begegnung mit ihrer Verwandten Elisabet gelingt und nichts mehr zwischen ihnen steht. In dem Augenblick, in dem Maria auf Elisabet zukommt, wird Elisabet zur Prophetin. Elisabet wurde, als sie den Gruß Marias hörte, vom Heiligen Geist erfüllt und rief aus: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen.“ Dieses prophetische Wort kommt ihr über die Lippen, wäh­rend sie leibhaftig vor Freude bebt. In der Begegnung der beiden beginnt sich auch die Fruchtbarkeit ihres Lebens zu regen, zu bewegen und zu entfalten. Markus erzählt uns in seinem Evangelium, dass sie „mit ganzem Herzen, ganzer Seele, all ihren Gedanken und all ihrer Kraft“ wahrnehmen, was geschehen ist. Und Elisabet fragt: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt! In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.“ Sie beginnen einander zu erzählen, was in ihnen Großartiges heranwächst, was Gott mit ihnen und durch sie beide vorhat. Durch die Begegnung mit Maria wird ihre Verwandte Elisabet eine prophetische Frau.

Es ist eine bewegende Geschichte, die uns die Pädagogik Gottes erleben lässt, wenn Menschen sensibel werden füreinander, wenn sie außerhalb der üblichen und festgelegten Normen es wagen, aufeinander zuzugehen und wahrzunehmen, was Gott in ihnen Großes tut und in ihnen wachsen, groß werden lässt. Dafür macht Er sich ganz klein, ganz schwach, ganz zerbrechlich. Um Weihnachten erahnen zu können, brauchen wir all unsere Sinne. Denn Gott offenbart sich in seinem Sohn Jesus Christus in Fleisch und Blut, so dass er mit allen Sinnen des Wahrnehmens, des Schauens, des Zugehens aufeinander, des Hörens aufeinander erfahrbar, nahe und da ist. Weit über alles vorder- oder hintergründige Fühlen und Gefühl hinaus ist hier unser Herz gefordert und angesprochen, mit dem wir Weihnachten erfahren und verstehen können, oder mit anderen Worten: Mit der Sinnlichkeit, mit der für uns Menschen einzigartigen wahrnehmenden Sensibilität des Herzens können wir den Sinn von Weihnachten begreifen. Von dem, was durch die Gnade Got­tes in uns geschieht, verstehen wir das, was Gott mit uns vorhat. Wenn das Herz anfängt, zu sprechen und sich zu bewegen, wenn das Herz anfängt, im Spüren prophetischer Zusagen aufzugehen und zu wachsen, dann bereitet man sich innerlich darauf vor, dass Gott geboren wird, dass er zur Welt kommen kann, dass Gott eine Spur findet, um in uns wachsen zu können. Nach diesen Adventwochen, in denen es um Verstand, um Prophezeiungen, um Sinn, um die Gesellschaft, um Angst und Verlassenheit ging, geht es nun, am 4. Adventsonntag, um die letzte, größte Hürde: Um das Bereitmachen des Herzens für den, der mit Weihnachten auf uns zugekommen ist und immer wieder zukommt.

Maria als große Glaubenskraft

„Selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ Das ist der Weihnachtsgruß. Selig ist die, ist der, der geglaubt hat, was der Herr ihr oder ihm sagen ließ. Und der Herr hat uns vieles zu sagen und ließ uns auch schon so manches ausrichten – durch diese Worte des Evangeliums, durch vielfältige Erfahrungen und Begegnungen, durch Scheitern und Gelingen, durch Freude und Leid. 

Lassen wir Maria, die Gottesmutter, die Königin, die Staunende, die Prüfende, die Glaubende, die Gesegnete unser Vorbild sein, wenn wir auf die Heilige Nacht zugehen, wenn wir still werden und leise und erwartungsfrohen Herzens fragen: „Wann wird es wohl  soweit sein…?“ Und in dieser Vorfreude, in dieser Zeit des Wartens in uns gehen und prüfen, ob wir selbst die bereitete Krippe sind, in die Jesus geboren werden kann.

 

Im Bereitmachen 

und im Gebet 

von ganzem Herzen 

mit Euch verbunden

 

Euer

Bischof Alois Schwarz