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Bischof Michael Memelauer: „Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben“

Kirche bunt erinnert am Ende des Gedenkjahres „80 Jahre Anschluss Österreichs“ an Bischof Michael Memelauer, der die Diözese St. Pölten durch diese schweren Jahre der NS-Herrschaft geführt hat. Besonders seine mutige Predigt zu Silvester 1941 ist in Erinnerung geblieben. Ein Blick auf die bislang wenig bzw. kaum oder nicht bekannten Hintergründe zu dieser Ansprache.

Vor unserem Hergott gibt es kein unwertes Leben.“  In diesem kurzem Satz fasste Bischof Michael Memelauer seinen Protest gegen die Ermordung von behinderten, psychisch kranken und alten Menschen zusammen. Allein aus den beiden großen Heil- und Pflegeanstalten Mauer-Öhling und Ybbs, die in der Diözese St. Pölten lagen, waren zum Zeitpunkt der Predigt an die 3.000 Patienten nach Hartheim bei Eferding transportiert und dort in der Gaskammer getötet worden. Der Bischof versteckte sich nicht hinter gedrehten Formulierungen, er sprach aus, worum es ging: „Du sollst nicht töten. Das ist das gewaltige, die Menschheit auf der ganzen Welt schützende Gottesgesetz, hineingeschrieben in das Gewissen aller, auch der primitivsten Völker.“ Ungeschminkter kann man nicht mehr sagen, was man von jenen hält, die dagegen verstoßen: Sie sind primitiver als die „primitivsten Völker“.

Was die Predigt so heikel machte…

Bischof Memelauer war sich der Bedeutung dieser Silvesteransprache sehr wohl bewusst. Es ist das einzige Predigtmanuskript, das aus den sieben Jahren der nationalsozialistischen Ära in seinem Nachlass erhalten ist. Sein Sek­retär Ferdinand Wimmer, der über die Zeremonien des Bischofs Buch zu führen hatte, spürte ebenfalls, dass diese Ansprache aus dem Rahmen fiel. „Um 4 Uhr hält seine Exzellenz eine ganz ausgezeichnete Predigt, die bei den vielen Besuchern einen sehr guten Eindruck hinterlässt und hernach den Segen“, verzeichnete er zum 31. Dezember 1941. Im Jahr davor hieß es zum selben Anlass bloß: „Um 4 Uhr hält Exzellenz die Predigt und die Dankandacht.“ Im Jahr 1938 war von der Predigt die Rede, die der Bischof „üblicherweise“ hält. Die Einträge zeigen, dass es sich beim Begriff „ausgezeichnete Predigt“ nicht um eine Floskel eines dienstbeflissen-ergebenen Sekretärs handelte. 

Was die Predigt so heikel machte, war die Tatsache, dass die Euthanasie-Aktion vom NS-Regime als streng geheim eingestuft war – bis Kriegsende. Der Bischof verriet natürlich kein Geheimnis, schon längst nicht mehr. Seine Kanzlei schöpfte sehr bald nach Beginn der Euthanasie in Niederösterreich – im Spätsommer 1940 – Verdacht, wie Franz Willinger, der spätere Chefredakteur von Kirche bunt, in seinen Erinnerungen berichtete. Er wurde im Herbst 1940 als Sekretär ins Bischöfliche Ordinariat geholt. Ihm fiel bei der täglichen Erledigung der Post auf, wie sehr sich die Personenstandsmeldungen häuften, die unheilbar Kranke, psychisch Kranke  und Behinderte betrafen. Selbst in einer so heiklen Materie hielten sich die staatlichen Stellen  penibel an die Vorschriften und leiteten den Wechsel des Wohnorts von Patienten weiter. Als bald darauf deren Todesmeldungen folgten, die das Ordinariat  an die Geburtspfarren weiterzugeben hatte, war die Sache klar. Nicht nur für die bischöfliche Kanzlei, auch für die Bevölkerung. 

In den ersten Monaten des Jahres 1941 waren in der gesamten „Ostmark“ Gerüchte über das Schicksal der abtransportierten Kranken virulent und die Beunruhigung groß, ist einhellige Meinung der Historiker. Vermutlich wusste ein großer Teil der Bevölkerung sogar konkret Bescheid, was mit den behinderten Menschen geschehen war, da von den Maßnahmen auch die „Armenhäuser“ und Altenheime in den Gemeinden betroffen waren. In Wallsee, nur wenige Kilometer vom Elternhaus  Bischof Memelauers entfernt, war es Ende 1940 oder Anfang 1941 sogar zu Protes­ten gekommen, als die Bewohner des dortigen „Armenhauses“ abgeholt wurden. Mit 27. April 1941 ist der Totenschein eines Priesters der Diözese St. Pölten datiert. Als Sterbeort des pensionierten Kaplans Johannes Fahrnberger ist Hartheim genannt.

Auch durch Bischofskollegen im sogenannten „Altreich“ war Memelauer über die Euthanasie informiert. Im Diözesanarchiv finden sich die berühmte Predigt von Clemens Graf von Galen, dem Bischof von Müns­ter, der im August 1941 die Vernichtung „lebens­unwerten Lebens“ angeprangert hat, und zum selben Thema die Allerseelenpredigt des Bischofs von Berlin. Zu Silvester 1941 hat dann Bischof Memelauer seine Stimme gegen die Euthanasie erhoben: deutlich und klar. 

Verwunderung, weil es kein greifbares Echo gab

Auffallend und rätselhaft ist, dass die öffentliche Anklage der Euthanasie durch Bischof Memelauer kein greifbares Echo gefunden hat. Weder die beiden NS-Zeitungen, die in St. Pölten erschienen sind, griffen diesen – aus nationalsozialistischer Sicht – Skandal auf, noch scheint die Predigt  innerhalb der Kirche weiter verbreitet oder diskutiert worden zu sein. Kardinal Franz König, der zu dieser Zeit Domkurat war, ist die beeindruckende Silvesteransprache Memelauers im Gedächtnis geblieben. „Ich erinnere mich  genau an die Worte: Mord bleibt Mord.“ In Gesprächen nach dem Krieg hat er sich aber auch verwundert gezeigt, dass die Predigt nicht intensiver aufgenommen worden ist. Mehr lässt sich zurzeit zur Rezeption nicht sagen. Doch unerschrocken und überaus mutig war Memelauers Predigt im vollen Dom zu St. Pölten allemal.

Josef Wallner