Interview mit Bischof Schwarz

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Beleidigern gerne verzeihen

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Kirche bunt-Fastenserie. Folge 4 von Abt Petrus Pilsinger OSB. Kaum etwas ist heute leichter, als Halb- oder Unwahrheiten zu verbreiten, ohne dafür in irgendeiner Form zur Rechenschaft gezogen zu werden. Aber es gibt seit jeher auch im privaten Bereich Angriffe auf die eigene Person, gegen die man sich oft nur schwer zur Wehr setzen kann, tief verletzende Beleidigungen und Herabwürdigungen. Wie damit umgehen? Der befreiende Weg des Verzeihens führt in die Mitte des Glaubens, zum Kern des Evangeliums.

Man muss auch einmal verzeihen können!“ Das haben wir gewiss schon alle gehört! Das sagt sich relativ leicht und erinnert mich an den in der Kindheit gelernten Reim: „Der Gescheitere gibt nach, der Esel fällt in den Bach.“ Es kann oft sehr klug sein, wenn wir in gewissen Auseinandersetzungen nachgeben und darauf verzichten, dass wir uns durchsetzen. Die Forderung „Beleidigern gerne verzeihen“ ist aber von anderer Qualität. Es geht nicht bloß um ein einfaches Nachgeben. Bei den „Beleidigern“ handelt es sich nicht um Kinderstreit, sondern darum, dass uns jemand verletzt, Leid zufügt. Da trifft uns jemand sehr hart in der Mitte. Besonders wenn jemand dann noch in unseren Wunden umrührt, ständig auf den Schwachstellen unserer Persönlichkeit herumreitet. Beleidiger können sehr treffsicher sein mit ihren Hieben und Anschuldigungen. Besonders schlimm ist es, wenn einer dann auch noch unterstellt, dass wir ohnehin selbst schuld wären und auch noch die beleidigte Leberwurst spielten.

Wir sollen von denen, die uns beleidigt haben, nicht von vornherein erwarten, dass sie ihr destruktives Tun einsehen, sich entschuldigen oder gar wieder gut machen, was zerstört wurde: die Würde, das Ansehen, die gesellschaftliche Stellung eines Menschen. Christus will aber, dass wir denen, die uns Leid zugefügt haben, verzeihen. Ja mehr noch:
gerne verzeihen, von Herzen, so, dass der Beleidiger tatsächlich spürt, der Beleidigte trägt mir nichts nach. Das ist nun aber ziemlich viel verlangt! Da stellt sich die verständliche Frage: Geht das überhaupt? Wie ist dies möglich?

Gerne verzeihen – der Kern des Evangeliums

Mit diesem Werk der Barmherzigkeit kommen wir zur Mitte unseres Glaubens, zum Kern des Evangeliums: Liebet eure Feinde! Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Tut Gutes denen, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen. Nicht sieben Mal, sondern siebenundsiebzig Mal sollen wir vergeben. Seid barmherzig wie euer himmlischer Vater.

Ist das nur was für Superchristen, die wie Jesus selbst noch im größten Leid beten können? „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Kann man verzeihen lernen?
Bei Pater Anselm Grün habe ich unter dem Titel „Im Verzeihen wird die Wunde zur Perle“ fünf hilfreiche Schritte zur Verzeihung gefun­den: Zunächst meint P. Anselm Grün, man solle die Beleidigung des anderen nicht verharmlosen und zu schnell entschuldigen: „Er hat es nicht so böse gemeint.“ Egal, wie er es gemeint hat, Beleidigungen verletzen und tun weh. Diesen Schmerz zulassen, ist ein ers­ter hilfreicher Schritt.

Weiter empfiehlt der geistliche Autor, die Wut wahrzunehmen. Die Wut sei jene Kraft, die den Beleidiger aus mir hinauswerfen kann. Ich lasse mich nicht kaputt machen, ich bin nicht von seiner Beurteilung abhängig, sondern trage meine Würde in mir selbst. So kann ich aus meiner Opferrolle aussteigen. Erst danach kann ich mit etwas Abstand versuchen einzuschätzen, was hinter der Belei­digung steckt. Gibt es einen Grund dafür? Warum hat er mich so verletzend getroffen? „Nur wenn ich mich selbst verstehen kann, kann ich zu mir stehen“, meint P. Anselm.

Der eigentliche Schritt der Verzeihung ist ein aktives Tun. Ich befreie mich vom negativen Einfluss des Beleidigers. Ich lasse meine Stimmung nicht von ihm bestimmen. Ich lasse ihn sein, wie er ist. Es kann durchaus noch längere Zeit des Abstands brauchen, bis die Vergebung vom bloßen Willensakt auch zur Herzenssache wird. Und schließlich macht P. Anselm darauf aufmerksam, dass ich durch die Verletzung aufgebrochen worden bin, um mein wahres Selbst zu sehen. Durch die Wunde hindurch sollte ich meinen ureigenen Selbstwert klarer erkennen. Gerne verzeihen tut allen Betroffenen, vor allem aber mir selber gut.

Wie ein Stein, der uns behindert

Ein Mitbruder hat mir vor kurzem von einem Seminar zum Thema Versöhnung erzählt. Er musste dafür einen großen Stein mitbringen. Bei einem Rollenspiel sollte eine Person sich frei durch den Raum bewegen und er ihr mit dem Stein in der Hand folgen, den Stein sozusagen nachtragen. Während jene Person sich frei bewegte, mit anderen redete, Hände schüttelte und tanzte, schleppte er den Stein. Seine Konzentration richtete sich darauf, dass ihm der Brocken nicht auf die Füße fiel. Rund­um nahm er weiter nichts wahr. So wurde allen höchst anschaulich bewusst: Wer jemandem etwas nachträgt, trägt schwer. „Beleidigern gern verzeihen“ führt zu einer großen Erleichterung des Lebens.

 

Impulse

  • Wem habe ich noch etwas zu vergeben? Welche schwere Last der Beleidigung schleppe ich mit mir? Woran hindert mich die Last des Nachtragens? 
  • Beleidigungen treffen uns manchmal deswegen schwer, weil sie an Schwächen und wunde Punkte unserer Persönlichkeit rühren. Welche schmerzhaften, aber auch heilsamen Selbsterkenntnisse habe ich dadurch gemacht? Sind sie mir zu Segen geworden? Wie?
  • Christus betet am Kreuz: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Wo wir zu Vergebung nicht fähig sind, kann das Gebet wertvolle Stütze sein. Für die Beleidiger beten. Menschen, für die man gebetet hat, begegnet man anders

 

 

Der Autor

Abt Petrus Pilsinger OSB wurde 1964 in Euratsfeld geboren. Er maturierte am Stiftsgymnasium Seitenstetten und studierte an­schließend Philosophie und Theologie an
der Phil.-Theol. Hochschule St. Pölten. Nach einem einjährigen Pflegepraktikum am Bezirkskrankenhaus Hall in Tirol trat er 1987 in das Stift Seitenstetten ein und empfing 1990 die Priesterweihe. Er wirkte als Kap­lan in Aschbach und in Kematen-Gleiß, als Lehrer und ab 2004 als Direktor am Stiftsgymnasium Seitenstetten. 2013 wurde er zum Abt des Benediktinerstiftes Seitenstetten gewählt.