Augustinus und der Gottesstaat

In seinem Werk „Vom Gottesstaat“ teilt Augustinus die Welt in Gottesstaat und Weltstaat auf. Während es ihm aber um die Gesinnung des Herzens ging, wurde das Werk im Mittelalter schon bald zur Legitimation päpstlicher Machtansprüche.

Eines der bedeutendsten Werke des heiligen Augustinus trägt den Titel „Vom Gottesstaat“ („De civitate Dei“). Die negative Konnotation dieses Begriffes wird wohl nicht verwunderlich sein. Denn unweigerlich erinnert er an die islamische Terrormiliz Islamischer Staat, die mit schrecklicher Gewalt im Nahen Osten einen Staat auf der Grundlage religiöser Normen zu begründen versuchte. Was haben wir uns unter einem christlichen Gottesstaat vorzustellen? Schwebte Augustinus etwa ein christliches Pendant zum muslimischen vor Augen, vielleicht eine vom Papst regierte weltumspannende Theokratie, wie es das Idealbild des russischen Philosophen und Schriftstellers Wladimir Solowjow (1853-1900) war?

Den Anlass des Werkes bildete für Augustinus ein epochenbildendes Ereignis: 410 n. Chr. eroberten die Westgoten unter der Füh­rung Alarichs Rom und plünderten drei Tage lang die Ewige Stadt. Die Botschaft vom Untergang Roms erschütterte die Welt: Jahrhunderte hindurch hatte das Römische Imperium den Lebenskontext der Menschen gebildet und nun hatte es aufgehört zu existieren. Da verwundert es nicht, dass viele den Untergang Roms mit dem Untergang der Welt gleichsetzten. Auch der heilige Augustinus war verunsichert von diesem Ereignis und nahm sich vor, es in einem literarischen Werk zu verarbeiten und christlich verständlich zu machen. Das Ergebnis ist seine umfassende Abhandlung „Vom Gottesstaat“ – ein monumentales Werk, das 22 Bücher umfasst und philosophisch-theologisch die Geschichte seit der Weltschöpfung deutet.

Rezeption im Mittelalter

Im Hochmittelalter wurde die Idee vom christlichen Gottesstaat auf Erden politisches Ziel so mancher Päpste, die damit aber vor allem den Einfluss der Kaiser auf die Kirche reduzieren wollten. Die mittealterliche Kirchengeschichte ist durchzogen von Spannungen zwischen weltlichem Reich und Kirche. Unter Papst Gregor VII. (1073-1085) erreichten die kirchlichen Machtansprüche gegenüber dem Reich einen neuen Höhepunkt. Er behauptete in seinem Brief „Dictatus papae“ unter anderem, dass es ihm erlaubt sei, den Kaiser abzusetzen und „dass alle Fürsten nur des Papstes Füße küssen“. Damit wäre der Kaiser dem Papst unterstellt. Dass solche kühnen Ansprüche den Kaiser nicht erfreuten, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Kaiser Heinrich IV. ignorierte die Forderungen des Papstes ganz einfach. Dass der Kaiser aber nach wie vor nach geltendem  Reichsrecht Bischöfe einsetze (Investitur), war dem Papst Stein des Anstoßes genug, um Heinrich zu exkommunizieren. So musste der Kaiser im legendären Canossagang zum Papst ziehen und um Aufhebung der Exkommunikation bitten.
Die päpstlichen Machtansprüche kulminierten in der Bulle „Unum Sanctum“, die Papst Bonifaz VIII. (1284-1303) in Auseinandersetzung mit König Philip dem Schönen von Frankreich (1285-1314) verfasste. Darin findet sich der Anspruch des Papstes auf Herrschaft über die ganze Welt. Wörtlich heißt es: „So erklären wir denn, dass alle menschliche Kreatur bei Verlust ihrer Seelen Seligkeit untertan sein muss dem Papst in Rom, und sagen es ihr und bestimmen es.“

Gesinnung des Herzens

Nun aber zurück zu Augustinus. Nach dem Kirchenvater existieren in der Welt zwei Staaten: ein guter, der Gottesstaat (civitas Dei) und ein schlechter, der Weltstaat (civitas terrena). Beide Staaten sind auf der Erde vermischt, ihre Trennung erfolgt erst beim Letzten Gericht. Was die Zugehörigkeit zu den beiden Staaten ausmacht, ist die Ausrichtung des Herzens. Der Christ hat es bei Gott und gehört somit dem Gottestaat an, auch wenn er in seinem irdischen Dasein im Weltstaat lebt. Jüngere Forschungen zu Augustins Werk haben herausgearbeitet, dass in dieser Gott­bezogenheit der Gottesstaat niemals ein irdischer Staat werden kann, weil er alle irdischen Dimensionen auf Gott hin überschreitet. Die Christusgemeinschaft im Heiligen Geist macht die Zugehörigkeit zum Gottesstaat aus. Das kann kein irdischer Staat einholen.
Raphael Widemann

 

Zeittafel Augustinus

354  Geburt des bedeutendsten lateinischen Kirchenvaters in Thagaste (Nordafrika).
386  Bekehrung des Manichäers Augustinus zum Christentum durch die Predigten des heiligen Bischofs Ambrosius und die Gebete und Tränen seiner heiligen Mutter Monika.
396  Augustinus wird Bischof von Hippo.
430  Augustinus stirbt während der Belagerung Hippos durch die Hunnen. Er hinterlässt bedeutende theologische Werke. Berühmt sind seine „Bekenntnisse“ (Confessiones).