Interview mit Bischof Schwarz

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Apokalypse – ein Buch mit sieben Siegeln

Das Wort „Apokalypse“ weckt unheilvolle Assoziationen, doch der Theologe Hermann-Josef Venetz liest die mitunter düster und seltsam anmutende Offenbarung des Johannes als „Buch der subversiven Hoffnung“ – Hoffnung für die kleine Minderheit der Christen in einem totalitären Staat.

Die Offenbarung des Johannes ist uns allen vertraut. Viele Bilder, Geschichten und Verse dieses letzten Buches der Bibel sind fest in unserem „kulturellen Gedächtnis“ verankert: das Buch mit den sieben Siegeln, das Lamm Gottes, der Kampf des Drachen gegen die Frau, das Jüngste Gericht, das himmlische Jerusalem und Verse wie „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott“ (Offb 1,8).

Und doch ist die Apokalypse, wie die Offenbarung  des Johannes auch genannt wird, den meis­ten Menschen fremd und unverständlich. Da ist die Rede von Engeln und Posaunen, Schalen und Unheil bringenden Reitern, verschlüsselten Zahlen und einem See voller Schwefel. Was soll das letzte Buch der Bibel eigentlich bedeuten und was hat es mit unserem Leben heute zu tun? Der Schweizer Theologe Hermann-Josef Venetz liest die Apokalypse nicht als einen Text voller Drohgebärden, sondern als ein Buch der Hoffnung in dunkler Zeit. In seiner 1999 erschienenen Publikation „Das Buch von der subversiven Hoffnung“ erläutert er u. a. die politische und soziale Situation der Chris­ten im Römischen Reich.

Die Christen müssen den Kaiser als Gott verehren

Entstanden ist der Text nach der Auffassung des Schweizer Theologen aller Wahrscheinlichkeit nach gegen Ende der Regierungszeit des römischen Kaisers Domitian (81-96 n. Chr.). Dieser Herrscher, der als erster römischer Kaiser offiziell den Titel „Herr und Gott“ für sich in Anspruch nahm, vertrat eine Staatsideologie, die Politik und Religion eng verquickte und das Leben der Bürger stark vereinnahmte. Die Bürger mussten den Kaiser als Gott verehren, im römischen Tempel opfern, den Götterstatuen Opfer bringen und vom Opferfleisch essen. Wer sich weigerte, der war verdächtig, den Staat destabilisieren zu wollen, und wurde geschäftlich boykottiert, enteignet, mitunter sogar verhaftet und umgebracht.

Johannes, der Verfasser der Offenbarung, verglich das Römische Reich, das damals auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, mit einem Götzen: Sein Glanz – der Wohlstand, die Kultur, die Ordnung – verblende die Menschen, die die mörderischen Mechanismen dahinter nicht mehr erkennen könnten. Johannes musste seine Kritik natürlich verschlüsseln: Als Decknamen für Rom verwendet er den Namen Babylon, der seinen Lesern aus dem Alten Testament vertraut war. Nach Babylon waren die Juden verbannt worden, dort litten sie unter Fremdherrschaft und Tyrannei. So wie Rom lag auch Babylon „an vielen Wassern“. Deutlich wird der Bezug zu Rom auch durch die „sieben Hügel, auf denen die Frau sitzt“ (Offb 17,9). Das neue Babylon ist laut Johannes „betrunken von dem Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jesu“ (Offb 17,6). 

Das Buch deutet den Sinn

Für die verfolgte und schrumpfende christliche Minderheit hat Johannes eine Botschaft: Die scheinbar unüberwindbare Macht des Staates und seiner Ideologie wird vergehen, Gottes Macht ist größer. Mag es auch so aussehen, als wäre die Sache Jesu verloren: Hinter all diesen Vorgängen steht der Plan Got­tes, der „auf dem Thron sitzt“.

Symbolisiert wird die für die Menschen so völlig undurchschaubare Geschichte der Menschheit durch die versiegelte Buchrolle. Sie macht den Sinn der Geschichte – von Vergangenheit und Zukunft – offenbar. Dem Leiden und dem vergossenen Blut der Märtyrer einen Sinn zu verleihen, das vermag nur das „Lamm“. Venetz sieht darin auch eine Absage an den römischen Totalitaris-mus: Nicht der Staat, nicht der Kaiser, nicht die Armee bestimmen und deuten den Lauf der Geschichte, sondern Jesus Christus, der „aussah wie geschlachtet“ (Offb 5,6). Der Verfasser der Offenbarung vollziehe damit eine radikale Umdeutung: Nicht das Starke triumphiert mit militärischer Macht, sondern das Lamm, das scheinbar Schwache: Es ist kraftvoll, versehen mit „sieben Hörnern“ (Offb 5,6).

Doch bis zum Sieg des Lammes kämpfen Gut und Böse gegeneinander – diese Schwarz-Weiß-Zeichnung und der Dualismus sind typisch für alle apokalyptischen Schriften. Die Überzeugung der Autoren: Das Gute wird gewinnen, auch wenn das Böse derzeit noch regiert. 

Das Öffnen der sieben Siegel löst die Apokalypse aus: Es werden vier apokalyptische Reiter auf die Erde gesandt, die Krieg, Not, Hunger und Tod bringen. Betroffen vom Unheil sind alle Erdenbewohner, doch als erstes trifft es die Mächtigen, „die Könige der Erde, die Großen und Heerführer, die Reichen und die Mächtigen“ (Offb 6,15). Gott zieht jene zur Verantwortung, die die Schwachen beherrschen.

Der Kampf zwischen Gut und Böse

Später kommt es noch einmal zu einem großen Kampf: Auf der einen Seite erscheint eine schwangere Frau in Geburtswehen, den Mond unter ihren Füßen, bekleidet mit der Sonne, umkränzt mit zwölf Sternen – ein in der christlichen Kunst oft aufgegriffenes Bild. Auf der anderen Seite erscheint ein siebenköpfiger Drache, der das Böse symbolisiert. Venetz sieht in der Gestalt der Frau Anklänge an das Alte Testament, wo das Volk Gottes mit einer Frau gleichgesetzt wird. Mit der Frau als Sinnbild für die Kirche konnten sich die verfolgten Christen identifizieren: Sie wird bedrängt, doch sie kann nicht vernichtet werden.

Das Reich Gottes als „andere Wirklichkeit“

Der Visionär sieht durch die Ereignisse hindurch eine andere Wirklichkeit, das Reich Gottes, das in Jesus Christus schon angebrochen ist, und zwar hier auf dieser Welt und nicht erst im Jenseits. In Jesus hat Gott seine Macht gezeigt und er wird im Endkampf gegen den Drachen und sein riesiges Herr endgültig und in alle Ewigkeit siegen. Dann zieht vollkommene Gerechtigkeit ein, die Unterdrückten kommen zu ihrem Recht, Gott selbst hält Gericht.

Jetzt kann endgültig Gottes Reich anbrechen. Die Bilder, die Johannes für dieses „Paradies“ verwendet, stammen zum gro­ßen Teil aus dem Alten Testament. Jerusalem war das Zent­rum des religiösen Lebens der Juden, die Stadt war Anziehungspunkt für viele Pilger und wird daher schon bei Jesaja zum Sinnbild der Gemeinschaft mit Gott. 

Die neue Welt Gottes beschreibt Johannes so: „Er (Gott) wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ (Offb 21,3-4)

 

ph