Interview mit Bischof Schwarz

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12. November 1918: Österreich wird Republik

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg, nur einen Tag später wurde am 12. November die Republik Deutschösterreich proklamiert - vom alten, über 600 Jahre währenden Großreich der Habsburger war nur ein Rumpfstaat übrig geblieben.

Bis zu Weihnachten ist der Krieg gewonnen und wir sind wieder zu Hause“, mit diesen Versprechungen und Hoffnungen waren viele österreichische Soldaten 1914 in den Krieg gezogen. Ja, es wurde fast Weihnachten – allerdings vier Jahre später – bis die Soldaten, wenn sie überlebt hatten, nach Hause zurückkehren konnten. Nicht in eine siegreiche Doppel-Monarchie, sondern in ein zum Kleinstaat geschrumpftes Land.

An die Zukunft des Rumpfstaates glaubte damals fast niemand. Und so beschlossen die regierenden Parteien – Sozialdemokraten, Christlichsoziale und die Großdeutschen – ursprünglich den Anschluss an die Deutsche Repub­lik. Das entsprach zwar dem Volkswillen, nicht aber dem Willen der Siegermächte. England, Frankreich, Italien und Amerika unterbanden mit den Beschlüssen von Saint-Germain-en-Laye den Zusammenschluss zwischen Österreich und Deutschland.

Republik Deutschösterreich

Nur einen Tag nach dem Ende des Ers­ten Weltkrieges wurde die Republik Deutschösterreich proklamiert. Es war ein Dienstag und ein nass­kalter Tag, und es war für diesen Tag Arbeitsruhe angeordnet und die Bevölkerung aufgerufen worden, an der Ausrufung der Republik teilzunehmen. Rund 150.000 Menschen  folgten der Aufforderung und strömten in orches­trierten Märschen vor das Parlament an der Ringstraße, die damals übrigens noch der „Franzensring“ hieß – nach dem Kaiser –, und dann vorübergehend zwischen 1919 und 1934 „Ring des 12. November“.

Nach der dritten Lesung und einstimmiger Annahme des „Gesetzes über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich“ erschienen an diesem 12. November 1918 kurz vor 16 Uhr Präsident Franz Dinghofer und Staatskanzler Dr. Karl Renner, begleitet von den beiden anderen Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Karl Seitz und Prälat Johann Nepomuk Hauser, und proklamierten die Republik. Bereits am Tag davor hatte Kaiser Karl auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften verzichtet und die Entscheidung über die zukünftige Staatsform den Österreichern anheimgestellt.

Geschichtsträchtige Akte im NÖ Landhaus

Der Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie hatte schon viel früher begonnen und spätestens mit dem sich abzeichnenden militärischen Zusammenbruch im Herbst 1918 und der daraus resultierenden Niederlage der k.u.k. Armee begann der endgültige Zerfall Österreich-Ungarns. Kroaten, Serben und Slowenen (6. Oktober), Polen (7. Oktober) und Tschechen (28. Oktober) erklärten ihre Unabhängigkeit von der Habsburgermonarchie und riefen eigene Staaten aus. Am 24. Oktober erklärte die ungarische Regierung die Realunion mit Österreich – mit Zustimmung des Königs – zum Monatsende als erloschen. 

Die deutschsprachigen Reichsratsabgeordneten konstituierten sich am 21. Oktober im Sitzungssaal des Niederös­terreichischen Landhauses als „Provisorische Nationalversammlung des selb­ständigen deutschösterreichischen Staates“. Zusammengesetzt war diese aus 111 deutschnationalen, 70 christlichsozialen und 39 sozialdemokratischen Abgeordneten des alten Reichsrates.
Der eigentliche Akt der Staatsgründung Österreichs, dessen Grenzen vorerst nicht feststanden, erfolgte durch die Provisorische Nationalversammlung am 30. Oktober – inklusive der Bildung einer Staatsregierung mit dem Sozialdemokraten Karl Renner an der Spitze.

Auch in den Ländern bildeten sich neue Landesgewalten. Am 22. Oktober 1918 versammelten sich im Niederös­terreichischen Landhaus die Vertreter der autonomen Landesverwaltungen. Für die Länder wurden analog zur Provis­orischen Nationalversammlung Pro­vi­sorische Landesversammlungen eingerichtet. Die neu konstituierten Länder erklärten ihren Beitritt zum neuen Staat.

Sozialpolitische Maßnahmen und Frauenwahlrecht

Allen politischen und sozialen Problemen zum Trotz – Revolutionsgefahr, Wirtschafts- und Finanzkrise, Hungers­not, Hyperinflation und Grenzkonflikte – wurden zwischen 1918 und 1920 wichtige sozialpolitische Fragen wie die Einführung des Achtstundentags, der Arbeitslosenversicherung, des Arbeiterurlaubs, der Betriebsräte, der Arbeiterkammern, des Mieterschutzes und die Verbesserung des Kollektivvertragsrechts und des Jugend- und Frauenschutzes geregelt.

Die ersten Wahlen mit Frauenwahlrecht – wie im Artikel 9 des am 12. November beschlossenen Gesetzes über die Staats- und Regierungsform festgelegt – erfolgten am 16. Februar 1919. Anlässlich der konstituierenden Nationalversammlung zogen am 4. März 1919 die ersten acht weiblichen Abgeordneten ins Parlament ein: Anna Boschek, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel und Maria Tusch für die Sozialdemokratische Partei sowie Dr. Hildegard Burjan für die Christlichsoziale Partei. 1927 wurde Olga Rudel-Zeynek mit ihrer Wahl zur Bundesrats­präsidentin sogar die weltweit erste Frau, die an der Spitze einer parlamentarischen Körperschaft stehen durfte.

Was blieb von der Ersten Republik? Vor allem wohl auch die Erkenntnis, was Demokratie wirklich heißt und welche Fehler es zu vermeiden gilt. Dazu zählt etwa, dass auch die andere Seite gehört und nicht ausgeschlossen werden darf, dass nicht nur der Sieger alles bekommt, sondern auch geteilt werden muss. Die Erste Republik ist gescheitert, aber sie ist wohl die Basis dafür, dass die Zweite Republik eine Erfolgsgeschichte wurde. Sop

 

 

Die Chronologie

Am 11. November 1918 endet der Erste Weltkrieg – mit dem Sieg der aus der Triple-Entente hervorgegangenen Kriegskoalition. 40 Nationen waren in diesen Krieg involviert, 70 Millionen Menschen kämpften, 17 Millionen starben. Folgend eine Chronologie der letzten Tage der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und der ers­ten Monate der Republik Deutschösterreich.

16. Oktober: Kaiser Karl erlässt ein Völkermanifest, das einen Umbau der Monarchie in einen Bundesstaat ankündigt. Es sanktioniert den Zerfall und leitet die Bildung von Nationalräten der Nationalitäten ein, der Südslawen, Polen und Tschechen.

Am 21. Oktober konstituieren sich die deutschsprachigen Reichsratsabgeordneten im Sitzungssaal des Niederösterreichischen Landhauses als „Provisorische Nationalversammlung des selb­ständigen deutschösterreichischen Staates“.

Am 22. Oktober versammeln sich im niederösterreichischen Landhaus die Vertreter der autonomen Landesverwaltungen. Für die Länder werden analog zur Provisorischen Nationalversammlung Provisorische Landesversammlungen eingerichtet. Die neu konstituierten Länder erklären ihren Beitritt zum neuen Staat.

Am 28. Oktober wird die Tschechoslowakische Republik ausgerufen. Galizien schließt sich einen Tag später dem neu entstehenden Polen an. Slowenen und Kroaten werden am selben Tag Mitbegründer des neuen südslawischen Staates. In Siebenbürgen übernimmt Rumänien die Macht. Die ungarische Regierung kündigt per 31. Oktober 1918 die Realunion mit Österreich auf.

Am 30. Oktober wird durch die Provisorische Nationalversammlung der Staat Deutschösterreich konstituiert.

3. November: Mit dem Waffenstillstand scheidet Österreich offiziell aus dem Ersten Weltkrieg aus.

11. November: Kaiser Karl unterschreibt die Abdankungsurkunde. Er residiert jetzt im Jagdschloss Eckartsau in Marchfeld.

12. November: Das Abgeordnetenhaus tritt zu einer letzten Sitzung zusammen, aber auch die Provisorische Nationalversammlung tritt  erst wieder am 12. November zusammen. Die Repub­lik Deutschösterreich wird proklamiert.

16. Februar 1919: Es finden die ersten wirklich gleichen Wahlen mit Frauenwahlrecht statt.

4. März 1919: Die konstituierende Nationalversammlung beschließt die erste rein parlamentarische Bundesverfassung, die am 1. Oktober 1920 in Kraft tritt. Rot-Weiß-Rot, die ehemaligen Babenbergerfarben, werden die Staatsfarben (Wappen).

24. März 1919: Der ehemalige Kaiser Karl muss mit seiner Familie Österreich verlassen, da er sich weigert, in aller Form auf den Thron zu verzichten.

3. April 1919: Die Nationalversammlung beschließt die Landesverweisung und Enteignung des Hauses Habsburg-Lothringen und die Abschaffung des Adels.

10. September 1919: Die Nationalversammlung muss den Bestimmungen des Staatsvertrags von Saint-Germain zustimmen, den Staatskanzler Renner am 25. Oktober 1919 unterzeichnet  und der Österreich die Kriegsschulden der alten Monarchie aufbürdet. Die Bezeichnung „Deutschösterreich“ wird verboten, das Burgenland Österreich zuerkannt, Südkärnten bleibt aufgrund einer Volksabstimmung 1920 bei Österreich, Südtirol dagegen muss ohne jede Abstimmung mit 230.000 Österreichern an Italien abgetreten werden. Österreich verbleiben rund 12 Prozent des Gebiets der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie.