Wächter und Freund

Foto: Leopold Schlager

Wort zum Sonntag von Prälat Mag. Maximilian Fürnsinn. Im Evangelium des dritten Adventsonntags steht wieder Johannes der Täufer im Zent­rum. Er ist eine unübersehbare Adventgestalt. Für mich ist er Wächter und Freund.

Als Wächter möchte er in uns den prophetischen Klang auslösen. Das überschreitet unsere Adventvorstellung von besinnlichen und ruhigen Wochen. Stille ist gut – aber Wachsamkeit ist wichtiger. Das können wir uns von den Propheten abschauen. Propheten leben in kritischer Distanz zu Welt und Zeit. Sie zeigen in deutlicher Sprache die Verfallserscheinungen einer Zeit auf. Das mag wie ein prophetischer Pessimismus klingen, fordert aber dazu auf, an den Problemsituationen unserer Welt zu arbeiten. Propheten möchten in jedem NEIN das JA Gottes aufleuchten lassen. Ich zitiere dazu Dom Helder Camara: „Herr lehre mich ein NEIN sagen, das nach JA schmeckt.“ Die Wahrheit eines Propheten lockt zu einer Lebensschönheit. Propheten sind Aufwecker, die kein Verständnis haben für das Schwanken, Bedenken, Zögern und allzu viel Kompromisse. Sie sind kritisch bis feindselig jeder Liberalität gegenüber.

Alle Krisen der Gegenwart sind Gotteskrisen. Glaube an Gott ist nicht neutral gegen­über diesen Problemen und der gesellschaftlichen Entwicklung. Prophetischer Glaube fördert den Geist der Unterscheidung: Was führt zu Unfreiheit und Unterdrückung? Was eröffnet Zukunft? Was bewirkt Resignation oder Zynismus? Was weckt Verantwortung, Freude, Engagement? Was bringt unserer Zeit Vertrauen und Zuversicht?
Der Glaube an Gott versteht das Handeln des Menschen als Antwort auf den Anruf Got­tes, als ein Tun von Gott geführt durch seinen Geist. Bei allem Planen, Organisieren und Arbeiten, bei politischen Entscheidungen dürfen wir vertrauen, von Gottes Kraft und Wirken getragen zu sein. Gottvertrauen bringt eine neue Qualität in unser Handeln – eine unglaubliche Weite. Das ist die entscheidende Grundhaltung einer prophetischen Existenz. Gott lieben heißt: sich Gott geben; sich Gott in allen Lebenssituationen überlassen; die Liebe zu Gott ohne Warum und ohne Zweck zu leben. Es muss eine verrückte Liebe ohne Berechnung sein.

Johannes der Täufer steht aber auch als Freund am heutigen Sonntag vor uns. Es spricht für die Bedeutung des Täufers, dass er als Hauptperson – und nicht Jesus – in diesem Evangelium vorkommt. Aber er bezieht sein Leben auf diesen Christus, für den er Zeuge ist, dem er seine Stimme leiht, dessen Weg er bereitet und dem er nicht einmal die Schuhe ausziehen darf. Dieser Evangeliumsabschnitt redet zwar vom Täufer – aber alles weist auf Jesus hin. Johannes relativiert sich gegenüber der Person Jesu deutlich. Er ist ganz auf IHN bezogen und empfängt von IHM seine Identität und seinen Lebensauftrag. Der Täufer weiß, dass die Fülle des Gottesgeistes über diesen Christus ausgegossen ist. Dem Täufer bleibt deshalb nur eine „wässrige Taufe“. Die Fülle des Geistes schenkt Christus in seiner Taufe. Das Evangelium dieses Sonntags greift wieder das Buch des Propheten Jesaja auf. Wir lesen diesen Text in der 1. Lesung, der voll und ganz auf Christus bezogen wird. ER ist der Gesalbte Gottes, dem die Fülle des Geistes überfließend geschenkt ist. ER kann voll in der Kraft Gottes handeln. Sein Kommen löst eine Zeit des Aufblühens aus: Alles wird heil, frei, gerecht. Das bezeugt Johannes der Täufer. Das Zeugnis für Christus legt Johannes mit seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung ab. Auch das ist eine prophetische Geste: Der Prophet verkündet sich nicht selbst, sondern bezeugt den ganz Anderen.

Durch Johannes Jesus sehen

Aber diese Christusbeziehung hat für mich eine sehr menschliche Seite: Johannes, der Freund Jesu. Er ist so dicht an Jesus, dass dieser in der Lebensausrichtung und Lebenshaltung des Täufers erkannt werden kann. Manchmal wird Johannes in den Evangelien geradezu zum Verwechseln mit dem Messias Jesus beschrieben. Er ist eben der Freund des Bräutigams. Durch Taufe und Firmung sind auch wir in diese Christusfreundschaft einbezogen.
Zwei Anregungen möchte ich zum dritten Adventsonntag geben: Hören wir unser Leben ab, ob es noch diesen „prophetischen Klang“ gibt. Die prophetischen Konturen des Täufers sind dazu eine brauchbare Anleitung. – Schenken wir unserer Christusfreundschaft eine neue Achtsamkeit.
Der Prophet und Christusfreund Johannes der Täufer leitet uns dazu an!

Prälat Mag. Maximilian Fürnsinn ist der Propst des Stiftes Herzogenburg. Er wurde 1940 in Herzogenburg geboren, empfing 1972 die Priesterweihe und wurde 1979 zum Propst des Augustiner-Chorherrenstiftes Herzogenburg gewählt.

Anmerkung zum Foto: Johannes tauft Jesus. Taufkapelle bei der Verkündigungsbasilika in Nazaret