Interview mit Bischof Schwarz

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Voll Gnade

Wort zum Sonntag von Prälat Mag. Maximilian Fürnsinn: Im Jahr 2017 fallen der 4. Adventsonntag und der Heilige Abend am 24. Dezember zusammen. Der 4. Adventsonntag ist in diesem Jahr ganz nahe an Weihnachten herangerückt, sodass man diesen Adventsonntag gar nicht mehr richtig wahr nimmt. Aber ohne diesen Sonntag kann man Weihnachten gar nicht verstehen. Denn wir richten heute unseren Blick auf die Verkündigung des Herrn – auf die wichtigste „Ikone der Erlösung“. Wir schauen auf die junge Frau aus Nazaret, die Gott erwählt hat, die Mutter Jesu zu werden, um die Menschwerdung Gottes zu ermöglichen. Wir fragen uns: Wie kann das eine so einfache junge Frau annehmen? Wie kann sie Menschwerdung Gottes verstehen?

Trotz dieser psychologischen Vorbehalte ist die Herausforderung Ma­riens noch viel heftiger. Denn der Ruf Gottes, der ihr verkündet wird, geht noch viel tiefer: Ihre individuelle Situation ist das Eine – aber der Anruf Gottes meint nicht nur sie persönlich, sondern sie steht in Stellvertretung ihres Volkes Israel – mit seiner Sehnsucht und der Erwartung des Messias; und sie steht bereits für das neue Gottesvolk – die Kirche – die sich um den menschgewordenen Christus sammeln wird. Das ist der große Horizont in der Stunde der Verkündigung – die eigentliche Herausforderung für Maria. Die Geschichte des Gottesvolkes Israel und der Kirche – ja der ganzen Schöpfung und Menschheit – kommt in diesem Augenblick an den entscheidenden Punkt der Geschichte. JA oder NEIN? Das ist hier die Frage! Die Entscheidung Mariens geschieht in einer unglaublichen Spannung. Sie sagt das JA vor dem Hintergrund des menschlichen NEINS der ersten Menschen im Paradies. An diesem Makel zerbricht, was der Mensch von Gott her ist – nämlich das Ebenbild Gottes; es spaltet sich der Mensch von Gott ab – weil er sein will wie Gott. Das ist der Ursprung des menschlichen Gotteskomplexes, der Beginn allen Widerstandes gegen Gott und der Kern aller Sünde – wie der heilige Augustinus sagt. Gewissermaßen zerbricht die Identität des Menschen. Der Mensch wird sein eigener Widerspruch. Es beginnt die Unheilsgeschichte für Mensch und Welt. Das erleben wir Tag für Tag: eine Welt der Unterdrückung und Ausbeutung; eine Welt der Gewalt und Zerstörung – mit sündigen Struktu­ren und einem Teufelskreis des Unheils und immer neuer Sünde. Das Licht der Erlösung strahlt auf im Augenblick der Begegnung des gottgesandten Engels mit Maria. Da fällt das große Lichtwort: „Gnade“ – mehr noch: voll Gnade. Für mich heißt das übersetzt: Das ganze Wohlwollen Gottes kommt Maria entge­gen!

Das Weihnachtsgeschenk Gottes

Dir schenke ich meine Zuneigung. Dich brauche ich, um für meinen Sohn eine Wohnung zu haben – um IHN zur Welt zu bringen. Am heutigen Abend feiern wir das Weihnachtsgeschenk Gottes: Gnade über Gnade! Liebe und sonst nichts! Das personifizierte Geschenk ist Jesus Christus. Wir brauchen dieses Licht, damit wir mit  den persönlichen und kollektiven Verwundungen in unserem Leben und in unserer Welt besser zurecht kommen.

Wir sind Gefundene!

Es liegt an uns, dieses Geschenk anzunehmen. Diese Zusage von Gnade trotz aller Lebensbrüche und Risse, die durch unser Leben gehen, gilt. Leonard Cohen besingt das in einem Lied: „Alles hat einen Riss. Doch da ist das Einfallstor des Lichts!“ Der Stall von Betlehem ist genau der Ort, wo der Himmel einen Riss bekommen hat – und Gott durchleuchtet für immer auf unsere Welt – auf dich und mich! Wir sind nicht so sehr Suchen­de. Wir sind Gefundene!

Prälat Mag. Maximilian Fürnsinn ist seit 1979 Propst des Augustiner-Chorherrenstiftes Herzogenburg. Er war u. a. Vorsitzender der NÖ Äbtekonferenz, der Ordenskonferenz der Diözese St. Pölten und der Österreichischen Superiorenkonferenz der Männerorden sowie Großprior des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, dessen Ehrengroßprior er seit 2009 ist.