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Unsere Serie zur Fastenzeit

Foto: Cathrine Stukhard/laif

In Kirche bunt Nr. 10 beginnt die achtteilige Serie von Sr. Melanie Wolfers zum Thema „ICH mit MIR“. Die Salvatorianerin Melanie Wolfers SDS ist Seelsorgerin und Autorin. Die Theologin und Philosophin stammt aus Flensburg in Norddeutschland.
Ihr Buch zum Thema: Freunde fürs Leben. Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein, adeo Verlag, 3. Auflage 2017.

 

 

Begegnung mit sich selbst

Es ist schon außergewöhnlich, wenn es eine Autorin mit einem spirituell-christlichen Buch in die Spiegel-Bestsellerliste schafft. Schwester Melanie Wolfers ist das eben mit ihrem neuen Buch „Freunde fürs Leben“ gelungen.


Was veranlasst Sie, über „Freundschaft mit sich selbst“ so intensiv nachzudenken?
Sr. Melanie Wolfers: In meiner seelsorgerlichen Tätigkeit mache ich die Erfahrung, dass wir Menschen uns oft schwertun mit uns selbst. Wir alle haben Eigenschaften, die wir an uns selbst nicht leiden können, und gehen dann oft hart oder abwertend mit uns um. Daher habe ich mich gefragt: Wie können wir besser mit uns selbst klarkommen und Freundschaft schließen mit uns selbst?

Ist unsere Gesellschaft beziehungshemmend?
Wolfers: In unserer modernen Gesellschaft
herrscht ein irrsinniger Optimierungsdruck. Immer weiter, höher, schneller soll es gehen. Wir sollen „effizienter arbeiten“, zugleich „gelassener leben“, und dann auch noch: „Der Bauch muss weg“. So rufen uns Buchtitel und Werbespots ständig entgegen. Wie eine Unternehmerin oder ein Unternehmer sollen wir das eigene Leben managen und für unser Glück sorgen. Doch dieser Druck, sich ständig verbessern zu müssen, ist eine heillose Überforderung!

Klingt irgendwie herausfordernd: Begegnung mit sich selbst – oder?
Wolfers: Die Begegnung mit sich selbst kann ganz schön herausfordern. Etwa, wenn man sich den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte zuwendet, anstatt sie unter den Teppich zu kehren. Oder wenn man der Sprache der Gefühle, des Körpers, der Träume und Ängs­te Gehör schenkt. Vor allem aber bereichert die Begegnung mit sich selbst das eigene Leben. Erst wenn ich auf die leise Stimme des Herzens höre, werde ich wissen, worum es mir wirklich geht, und mein eigenes Leben führen.

Manche meinen, die Leute beschäftigten sich viel zu viel mit sich selbst. Ist dem nicht so?
Wolfers: Denken Sie an den biblischen Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wenn ein Mensch mit sich selbst befreundet ist, wird er ganz anders beziehungsstark: Er muss dann seine Ich-Grenzen nicht krampfhaft behaupten. Dem anderen ist er dann ein Gegenüber, das „ich“ sagt. Und dann gilt es zu schauen: „Wie geht das miteinander?“ Eine solche Lebenshaltung hat viel damit zu tun, dass ich dem anderen und mir den Heiligen Geist zutraue.

Können aus einer Selbstliebe nicht trotzdem Egoismus oder Narzissmus entstehen?
Wolfers: Narzissten leiden an einem grundlegenden Mangel an Selbstfreundschaft. Es wird zwar gesagt, dass sie sich nur für sich selbst interessieren, aber es handelt sich um ein Pseudointeresse. Narzissten müssen sich ständig idealisieren und bewundern. Oberflächlich betrachtet scheinen sie selbstverliebt, doch in Wirklichkeit können sie sich nicht leiden.

Was braucht eine gute Beziehung zu sich selbst?
Wolfers: Freundschaft lebt davon, dass man sich Zeit nimmt miteinander. So wie eine Freundschaft Zweisamkeit braucht, lebt eine Freundschaft mit sich selbst von der regelmäßigen Verabredung mit sich selbst. Ich nehme mir Zeit für das, was mir wichtig ist. Und ich versuche, die Sprache meines Körpers und meiner Seele wahrzunehmen.

Was gewinnen wir dabei?
Wolfers: Freundschaft mit sich selbst bewirkt, dass wir unsere Stärken und Schwächen realistischer wahrnehmen. So können wir uns immer mehr annehmen, wie wir sind. Eine solche Haltung sich selbst gegenüber ist eine entscheidende Voraussetzung, um tragfähige Beziehungen mit anderen pflegen zu können. Sie ermöglicht uns, dass wir unsere Stärken ins Spiel bringen und unsere Grenzen anerkennen. Wir gewinnen inneren Frieden, Lebensfreude und Liebesfähigkeit. Erst wenn ich mich mehr kennen lerne, werde ich heimisch in mir.

Sie sprechen von Grenzen. Worin bestehen sie?
Wolfers: Der Gott der Moderne lautet: „Alles ist möglich“. Aber das stimmt nicht! Es ist nicht
alles möglich. Unsere Lebenszeit, unsere Kräfte, auch die natürlichen Ressourcen haben Grenzen. Für mich war es wirklich eine Erkenntnis, als ich entdeckte: Meine Grenzen sind nicht nur dafür da, dass ich sie ausweite, sondern manche Grenzen sind dafür da, dass ich in ihnen in Frieden leben lerne. Das alte Wort für Grenze ist mir lieb geworden: „Umfriedung“. Eine Grenze markiert einen Lebensraum, innerhalb dessen ich
in Frieden leben kann. Im Konkreten, Endlichen und Begrenzten kommt uns Gott entgegen. Interview: Matthäus Fellinger