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Trauern in der digitalen Welt

Foto: Leopold Schlager

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“, schreibt Bertolt Brecht. Digitale Trauerseiten halten heute die Erinnerung an die Verstorbenen wach. Sie ersetzen aber nicht die Trauerarbeit.

Das Fenster ist gekippt. Eine Kerze erhellt den Raum. Über 20 Jugendliche stehen dicht beieinander. Sie sind alle Mitschüler von Martin (Name der Redaktion bekannt). Martin ist vor wenigen Stunden verstorben. 18 Jahre war er alt, litt an Lungenkrebs. Seine letzten Wochen verbrachte er im Klinikum Amstetten, wurde hier auf einer Station palliativ betreut. Christine Winklmayr vom Seelsorgeteam des Klinikums kannte Martin. Sie leitete die Trauerfeier, betete mit allen; lud ein, den Verstorbenen mit Weihwasser zu segnen. Alle verabschiedeten sich persönlich von Martin; einige hielten ihn an den Armen, andere streichelten ihm übers Gesicht. Neben seinem Kopf lag ein Fußball – Martin war ein begeisterter Fußballer. Auch zum Begräbnis kamen viele seiner Schulkolleginnen und Schulkollegen.

Digitale Trauerwelt

„Für Jugendliche ist es besonders wichtig, sich von nahestehenden Menschen persönlich zu verabschieden“, betont Christine Winklmayr, Referentin für Kranken- und Pflegeheimseelsorge der Diözese St. Pölten. „Vor allem bei einem plötzlichen Tod.“ Digitale Trauerritualen wie das Entzünden von Kerzen auf Trauerportalen seien nur ein Baustein der Trauerbewältigung. Viele Trauernde suchen heute auch in der digitalen Welt Trost, versuchen sich hier mit Menschen auszutauschen, denen Ähnliches widerfahren ist. Seit Jahren boomen daher Trauerportale und Gedenkseiten im Internet. Sie konservieren nicht nur Erinnerungen; sie machen diese auch öffentlich. Die Parten bleiben hier länger online – werden auch über Suchmaschinen gefunden – und geraten damit so nicht in Vergessenheit. Bildergalerien erinnern zusätzlich an den Verstorbenen. Eines dieser Portale ist etwa Aspetos. Über 100.000 Todesanzeigen sind hier gegenwärtig online. Rund drei Millionen Seitenaufrufe zählt das Portal heute pro Monat, so die Betreiber. Auch „Virtuelle Blumen“ können auf der Gedenkseite des Verstorbenen „gepflanzt“ werden und blühen hier länger als auf Gräbern.

Digitale Trauerkultur

Das Tiroler Portal Trauerhilfe veröffentlicht nicht nur Todesanzeigen von Verstorbenen. Hier können sich Trauernde auch in einem Forum mit anderen austauschen und/oder sich für Seminare anmelden, die sie bei der Trauerarbeit unterstützen. Diese Portale seien nur zusätzliche Angebote für Trauernde, betont Chris­tine Winklmayr. „Digitale Trauer kann niemals die persönliche Trauer ersetzen.“ Die digitale Trauerkultur sei ein weites Feld – von Facebook-Gedenkprofilen über „Gonebots“ – das sind Chatbots, die Verstorbene repräsentieren – bis hin zu Trauer-Tweets, so Dennis Schmolk, Gründer der deutschen Webplattform „Digital danach“. Dieses informiert über digitales Sterben und Erben, Online-Trauerkultur und den digitalen Nachlass. Diese Themen greift auch die Trauerkultur-Messe „Digina“ auf.

„Wir befinden uns heute in einem Übergang“, stellt Dr. Stephan G. Humer, Diplom-Soziologe und Informatiker, fest. Er ist Hochschuldozent und leitet den Forschungs- und Arbeitsbereich Internetsoziologie an der Hochschule Fresenius in Berlin. „Die Trauervielfalt werde weiter zunehmen“, bestätigt der Soziologe. „Es setzt sich auch eine bestimmte Professionalisierung in der Szene durch.“ Aber die Trauer- und Verlustgefühle, die Menschen empfinden, bleiben dieselben – egal ob ein Angehöriger Bilder auf einer Gedenkseite betrachtet oder das Grab am Friedhof besucht. Trauer sei individuell und die Digitalisierung biete mehr Individualisierung denn je, so Stephan G. Humer.Grabsteine dienen in vielen Religionen dem Totengedenken und kennzeichnen die Grabstelle, wo die sterblichen Überreste des Verstorbenen bestattet wurden. Gräber können heute mit zusätzlichen Informationen „bestückt“ werden. Dafür wird auf einer Glas- oder Porzellanplatte ein Barcode eingraviert und auf dem Grabstein befestigt. Scannt ein Besucher mit seinem Smartphone den Code, gelangt er auf eine Website, die Texte, Bilder oder sogar Videos vom Verstorbenen bereithält.

Gräber mit Barcodes

Trauer- und Gedenkportale erinnern an Friedhöfe, da sie die Erinnerungen an die Verstorbenen „konservieren“. Diese können aber die analogen keinesfalls ersetzen, sind die deutschen Friedhofssoziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler überzeugt. Stürzt etwa der Server ab, sind die Informationen auf der Trauerseite auch nicht mehr abrufbar. Seelsorgerin Christine Winklmayr ist wieder unterwegs – zur Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen. Der Tod sei für sie Alltag, aber auch nach 24 Jahren nicht Routine. Daran können auch die digitalen Erinnerungs- und Trauerportale nichts ändern.    Christopher Erben