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Stiftsgarten Melk – Spiegel des Klosters in der Natur

Foto: Riccabona

Dem malerischen Stiftsgarten von Melk widmet „Kirche bunt“ die zweite Folge der Klostergartenserie. Die Gartenanlage ist ein wesentlicher Teil der Barockanlage und stellt eine ­symmetrische Symbiose von Stiftsgebäude und Außenanlage dar.

Beim Betreten des Stiftparks Melk – gleich rechts vom Haupt­eingang in das Benediktinerkloster – fällt der Blick sofort auf den Gartenpavillon, der in der Sichtachse den symmetrischen Barockgarten beherrscht. Gerade jetzt im Sommer flimmert die Hitze über den hellen Kieswegen. Vor der Sonne in das Innere des Pavillons von Franz Mung­genast zu flüchten ist kei­ne schle­chte Idee. Hier finden in den Sommermonaten auch regelmäßig hochkarätige Konzerte statt. Aber der Park bietet noch viele andere Möglichkeiten, die zu erkunden es sich lohnt.
Seit 41 Jahren ist P. Martin Rothen­eder, Kultur- und Toursimusverantwortlicher des Stiftes, bereits im Kloster und 20 Jahre lang hat er sich „gewünscht, den Stiftspark zu revitalisieren“, der nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gepflegt wurde und verwilderte. Für die Landesausstellung „Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“ im Jahr 2000 wurde der Park schließlich aus seinem Dornröschenschlaf geweckt, die alten Wegstrukturen und Sichtachsen aus der Barockzeit freigelegt. Im Archiv wurde der „Franziszeische Kataster“ von zirka 1820 wiedergefunden, der alte Pläne auch der Gartenanlagen enthält.

Der Stiftspark zeigt, wie in 250 Jahren durch das Zusammenwirken von natürlichen und geistigen Ebenen ein Lebensraum entstanden ist, der in seinen vielfältigen Erscheinungen stets das Streben nach Schönerem ausdrückt. Vorbilder für die Gartenanlage des Stiftes waren die garten­ästhetischen Strömungen des Barocks sowie des englischen Landschaftsgartens, die auch heute noch ihren Charakter bestimmen.

Symmetrische Symbiose

Die Gartenanlage des Stiftes stellt, so P. Martin, einen wesentlichen Teil der gesamten Barockanlage dar. Diese ist eine symmetrische Symbiose von Stiftsgebäude und Außenanlage. Der Aufbau des Gartens in drei Etagen entspricht dem dreistufigen Aufbau der Hauptachse des Stiftes sowie der dreistufigen Kuppel der Kirche. „Über den Eckturm aus der Babenbergerzeit als Angelpunkt ist das Konzept der Klos­teranlage auf den Garten projiziert“, erklärt P. Martin. So deckt sich etwa das Fresko vom Heiligen Geist in der dritten Kuppel mit dem Wasserbecken auf der dritten Etage im Garten: „Ohne Geist, ohne Wasser kein Leben!“

Humus und humilitas

Auch die Bibliothek des Klosters wird in der Gartenanlage gespiegelt, wie P. Martin erklärt. In der Bibliothek lesen und studieren die Mönche, aber der Mensch besteht nicht nur aus Denken, Philosophie und Theologie, sondern auch aus Körper und Emotionen: Im Betrachten der Zweige, Blätter, und Blüten, die alle verschieden und einzigartig sind, erwacht die Ehrfurcht vor der unglaublichen Schöpfungsgewalt Gottes – und sie ist noch nicht ausgeschöpft! Schöpfung geht weiter und ist unsere Bewunderung im Hier und Jetzt wert. Dieses Bewusstsein, dieses Gespür wächst auch bei den Besuchern. „Je mehr die Menschen darauf sensibler werden, desto eher werden sie die Schöpfung bewahren“, ist P. Martin überzeugt und erinnert an den Zusammenhang zwischen der fruchtbaren Erde – humus – und der Tugend der Demut – humilitas.

Im Stiftsgarten sind auf den drei Ebenen wiederum kleinere, in sich geschlossene Gärten und Gartenanlagen angelegt. Blickfang in der ersten Ebene ist der eingangs erwähnte barocke Gartenpavillon, der zwischen 1747 und 1748 von Franz Munggenast erbaut wurde. Die zweite Ebene ist geprägt von verschlungenen Wegen, einer Feuerstelle oder „sprechenden Steinen“, aus denen Kinderstimmen klingen, die die Schöpfungsgeschichte erzählen. DAS-PA-RA-DIES-IST-IN-UNS ergibt die Inschrift auf den Platten. „Wir sollen am Paradies mitarbeiten, obwohl wir wissen, dass wir es hier nicht erreichen“, betont P. Martin. „Es ist aber auch keine Vertröstung, sondern die Sehnsucht nach dem Paradies darf im Menschen nicht sterben.“ In der dritten Etage befindet sich das barocke Wasserreservoir, das von 250 Jahre alten Linden umgeben ist. In den letzten Jahren wurde der Stifts­park durch neue Akzente ergänzt: den mediterranen Gartenraum, den orientalischen Garten oder das „cabinet clairvoyée“.

Zuerst wurde der Park künstlich gedüngt, die Rosen gespritzt etc., wie P. Martin zugibt. Doch dann kam das in der Südecke der Anlage versteckte „Paradiesgärtlein“ dazu. Wie schon in anderen Stiften, wie z. B. in Seitenstetten,  hielt man sich bei der Anlage des Gärtleins auch im Stift Melk an das Werk „Buch über die Kulturen und Gärten“ von Walahfrid Strabos (ca. 808 – 849). Die 22 Beete mit insgesamt ca. 250 verschiedenen Pflanzen sind darin genau beschrieben. Demnach soll im Garten zu jeder Zeit etwas Blühendes, etwas Duftendes, etwas Heilendes und etwas Essbares vorhanden sein.,Dieser Garten ist von Beginn an völlig biologisch-ökologisch, was in der Folge auf den ganzen Park ausgeweitet wurde. „Das bedeutet zwar wesentlich mehr Arbeitsaufwand, gehört aber zum Schöpfungsgedanken“, so P. Martin. Die Belohnung: Der Stiftspark hat bereits zweimal den „Goldenen Igel“ (Auszeichnung der Initiative „Natur im Garten“, Anm. der Red.) verliehen bekommen!,Unter dem „Paradiesgärtlein“ liegt die „Wüste“. Ein rotes Band im Sandboden markiert die Hauptachse des Stiftes, von der gepflanzten Palme zum Grab des heilige Koloman, das die Palme des Märtyrers ziert. Eingelegt in das Band ist die lateinische Inschrift „Iustus ut palma  florebit“ – Der Gerechte möge gedeihen wie eine Palme. Markus Riccabona