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„O du fröhliche“ – die Geschichte eines Weihnachtsliedes

„O du fröhliche“ – eines der bekanntesten deutschsprachigen Weihnachtslieder – war einst ein sizilianisches Schiffer- und Hochzeitslied. Ins Deutsche überliefert wurde es vom Weimarer Theologen und Dichter Johann Gottfried Herder und einem Privatgelehrten der pädagogischen Wissenschaft namens Johannes Daniel Falk.<--break->

Das Lied kennt jeder, und manche mögen es sogar lieber als das unsterbliche „Stille Nacht, heilige Nacht“: Anders als die innig-zarte Weise aus dem Salzburgerland steht „O du fröhliche“ für die ausgelassene, strahlende Seite des Festes. Kein Wunder, entpuppt sich die ebenso muntere wie feierlich-getragene Melodie doch als sizilianisches Schiffer- oder Hochzeitslied. Zu uns gebracht haben es der Weimarer Dichter, Theologe und Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder und ein Privatgelehrter der pädagogischen Wissenschaft namens Johannes Daniel Falk, der ebenfalls in Weimar lebte und heute als Begründer der Sozialarbeit mit Jugendlichen gilt.

Johannes Daniel Falks Vater, ein Perückenmacher, brachte nicht viel Verständnis für die poetische Leidenschaft seines 1768 in Danzig geborenen Sprösslings auf. Bücher wollte er nicht im Haus haben, schöngeistige Literatur tat er als „Narrenwerk“ ab, und er nahm den zehnjährigen Johannes Daniel aus der Schule, weil er einen Helfer in seiner Werkstatt brauchte. Zum Glück fand sich ein Lehrer, der die Danziger Ratsherren auf den begabten Buben aufmerksam machte; sie bezahlten ihm den Besuch des Gymnasiums und schickten ihn sogar auf die Universität Halle.

Ein Satiriker wird ein engagierter Christ

Als Johannes Daniel dort sein Theologie- und Sprachenstudium begann, bekam der junge Mann bald massive Schwierigkeiten: In den literarischen Zirkeln, wo er verkehrte, schimpfte man kräftig auf die kommunale Kulturpolitik und die Ratsherren. Falk verärgerte die Honoratioren mit boshaften Spottversen. Der Herr Student solle erst einmal etwas lernen, statt Satiren zu verfassen, befand der Rat und wies den jungen Falk aus Halle aus.

In Weimar, wo er freundliche Aufnahme bei Geistesgrößen wie Goethe, Wieland, Herder fand, äußerte sich Falk viel vorsichtiger. Vielleicht gefiel es ihm in der Kulturmetropole auch einfach besser. Pfarrer wollte er nicht mehr werden, die Theologie war ihm viel zu verkopft erschienen und der Gelehrtenstreit über Bibelauslegung und Philosophie hatte ihn abgestoßen. Falk schrieb viel, zahllose Gedichte, ein „Geheimes Tagebuch“, ein einfühlsames Porträt seines großen Gönners mit dem Titel „Goethe aus näherem persönlichen Umgang dargestellt“.
Alle diese Produkte seiner Feder sind heute vergessen, bis auf das international bekannte Weihnachtslied, und sie brachten ihm auch damals weder großen Ruhm noch viel Geld. Die Schriftstellerei sei doch eine „recht lumpige Sache“, stellte er fest und fristete sein Leben als Privatlehrer und Gelehrter.

Bis 1806 der Krieg über das stille Weimar hereinbrach. Da wurde aus dem verträumten Privatgelehrten plötzlich ein Held, ein Verteidiger von Bürgerrechten, dazu ein geschickter Organisator: Falk stellte sich den französischen Marodeuren entgegen, trieb Lebensmittel und Quartiere auf, um sie vom Plündern abzuhalten. Für die Kriegsversehrten, Obdachlosen und Hungernden leitete er Hilfsmaßnahmen in die Wege. Als wieder Friede war, machte ihn der Weimarer Herzog voller Respekt zum Legationsrat mit festem Gehalt, das konnte der Vater von sieben Kindern gut gebrauchen.


1813 kamen die französischen Truppen ein zweites Mal – und mit ihnen eine Typhus-Epidemie. Die Falks verloren vier ihrer Kinder, Johannes selbst erkrankte auf den Tod. Als er wieder aufstehen konnte, war er nach eigener Aussage „vom Satiriker zum Christen“ geworden und hatte gelernt, sein persönliches hartes Schicksal zu verwandeln: in praktisch geübte Barmherzigkeit. Falk öffnete sein Haus für die halb verhungerten, verwahrlosten Waisen, die mit Napoleons Soldaten durch die Lande zogen. Er mietete einen leer stehenden Hof, richtete ihn als Schule ein, suchte Pflegefamilien, vermittelte den Halbwüchsigen Lehrstellen bei Weimarer Handwerksmeistern, die den tapferen Falk schätzten und seinen Schützlingen einen Vertrauensvorschuss einräumten.

Ein Schlösschen für die Kinder

Die „Gesellschaft der Freunde in der Not“, die Falk für seine  Schützlinge gründete, war vermutlich die erste sozialpädagogisch orientierte Bürgerinitiative Deutschlands. Eine heruntergekommene Weimarer Grafenburg wurde gemeinsam mit den älteren, handwerklich geschulten Kindern restauriert. Weil Martin Luther einmal in dem Schlösschen übernachtet hatte, bekam das Kinderheim den Namen „Lutherhof“. Die Erziehung hier folgte höchst modernen Prinzipien, und weil der Kinderfreund seine Ideen durch eine ausgedehnte Korrespondenz und viele Artikel verbreitete, konnte er die Gründung ähnlicher „Rettungshäuser“ in anderen Städten erleben. Am bekanntesten wurde das von Pastor Johann Hinrich Wichern errichtete „Rauhe Haus“ in Hamburg. Wo ja bekanntlich der Adventkranz seinen Anfang nahm.

Im „Lutherhof“ ist angeblich auch das strahlend schöne Weihnachtslied „O du fröhliche“ uraufgeführt worden, von den Knaben, die hier eine Heimat gefunden hatten. Die Melodie soll auf das sizilianische Schifferlied „O sanctissima, o piissima dulcis virgo Maria“ (O du heiligste, überaus fromme, süße Mutter Maria) zurückgehen, das der Weimarer kosmopolitisch denkende Pädagoge und Theologe Johann Gottfried Herder 1788 auf einer Reise nach Palermo von Fischern hörte. Herder sammelte Lieder aus allen Nationen und machte auch Shakespeare in Deutschland bekannt. Nach einer anderen Version war die Weise als Hochzeitslied in Süd­italien gebräuchlich.

Aus dem „Allerdreifeiertagslied“ wird ein berühmtes Weihnachtslied

Den Liedtext hatte Johannes Daniel Falk ursprünglich 1816 als universal verwendbare Hymne für Weihnachten, Ostern und Pfingsten geschrieben, „Allerdreifeiertagslied“ genannt: je eine Strophe für jedes Fest. Zum Ohrwurm wurde nur die erste, die Weihnachtsstrophe, von seinem Mitarbeiter Heinrich Holzschuher – an den unfairerweise niemand mehr denkt – 1819 um zwei weitere ergänzt. Der sonst eher spröde Geheimrat Goethe gestand, er sei vom „schlichten Glanz“ des Liedes „hingerissen“.

Johannes Daniel Falk starb – erst 58 Jahre alt – am 4. Februar 1826 an einer Blutvergiftung. Die volkstümliche, wenn auch barock lehr­hafte Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer His­torischen Friedhof hat er selbst geschrieben: „Unter diesen grünen Linden / ist, durch Chris­tus frei von Sünden, / Herr Johannes Falk zu finden. / Kinder, die aus deutschen Städten / diesen stillen Ort betreten, / sollen fleißig für ihn beten: / Ewger Vater, dir befehle / ich des Vaters arme Seele / hier in dunkler Grabeshöhle. /  Weil er Kinder aufgenommen, / lass ihn einst mit allen Frommen / als dein Kind auch zu dir kommen.“. Als Falk auf dem Sterbebett sein Testament und darin auch seine Grabinschrift diktierte, hatte die vierte Zeile noch anders gelautet: „Kinder, die aus fremden Städten“. Man darf darin das bewusste Zeugnis eines weiten Geistes sehen, der gegen den Willen der Obrigkeit in seinen „Lutherhof“ auch Waisen aus anderen Regionen und Ländern aufgenommen hatte.    

Christian Feldmann/Red.