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Lass uns übers Sterben reden

Foto: zVg

Zuerst das Sterben verdrängt, dann durch den plötzlichen Tod des Nachbarn jäh damit konfrontiert: Die Journalistin Ilka Piepgras wollte sich danach mit dem Sterben auseinandersetzen und arbeitet nun als ehrenamtliche Hospizbegleiterin.

Kirche bunt: Über den Tod spricht man normalerweise nicht. Warum eigentlich?

Ilka Piepgras: Ich glaube, das hat sich in der Generation meiner Großeltern verloren, der Kriegsgeneration. Diese Generation hat das Sterben verdrängt, denn anders wären all die Nachrichten über gefallene Söhne, Brüder, Väter, Männer, all das Elend und Leid nicht auszuhalten gewesen. Und weil sie es von den Eltern nicht anders gewöhnt war, hat auch die darauffolgende Generation, meine Elterngeneration – die Generation der Kriegskinder – den Tod verdrängt. Heute spricht man nicht mehr vom Tod, weil Gewohnheit und Geläufigkeit fehlen. Und natürlich auch der Anlass: Im Alltag ist der Tod unsichtbar, man begegnet ihm erst dann, wenn man selbst beziehungsweise das persönliche Umfeld betroffen ist. Ansonsten hat es beinahe etwas Anstößiges, das Thema in Gesellschaft anzusprechen, denn es gilt als Stimmungskiller. Das Paradoxe ist: Obwohl so wenig über den Tod gesprochen wird, ist das Bedürfnis danach sehr groß.

 

Ihre Motivation, Sterbende zu begleiten, haben Sie einmal in einem Artikel so formuliert: „Dass der Tod seinen Schrecken für mich verliert.“ Hat sich dieser Wunsch erfüllt?

Ich begegne dem Tod immer noch mit einem gewissen Argwohn und finde ihn nach wie vor ungeheuerlich – aber ich fühle mich wesentlich besser gewappnet, ihm zu begegnen. Das Wissen darum, was physiologisch passiert, und ein besseres Verständnis für die großen Zusammenhänge helfen mir. Generell hilft Wissen gegen die Angst. Zumindest hat der Tod so weit den Schrecken verloren, dass ich ihm nicht mehr aus dem Weg gehe. Früher wusste ich nicht, was ich sagen sollte, wenn im Bekanntenkreis jemand gestorben ist. Heute suche ich bewusst das Gespräch und merke, es tut allen gut.


Was brauchen Menschen in den letzten Stunden ihres Lebens? Was wünschen sie sich?

Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich und vom Leben geprägt, das man geführt hat und nun zu Ende geht. Manche wollen bis zuletzt wach sein und kämpfen, andere ziehen es vor, weitgehend betäubt hinüberzugleiten. Generell tut es am Ende gut, sich an Zeiten zu erinnern, in denen man besonders glücklich war. Als Begleiter ist man bemüht, schöne Erinnerungen heraufzubeschwören – etwa indem man sinnliche Anreize erschafft, zum Beispiel durch den Duft einer bestimmten Frucht, die gern gegessen wurde. In seinen allerletzten Stunden sucht der Mensch allerdings meistens nur noch körperliche Nähe und greift instinktiv nach einer Hand.


Durch Ihre Erfahrung mit sterbenden Menschen: Was haben Sie über das Sterben gelernt?

Sterben ist ein Prozess ­– abgesehen natürlich vom jähen Unfalltod. Meist aber wird man vom Sterben nicht überwältigt, sondern kann sich darauf einstellen. Das erfordert natürlich die Bereitschaft, sich tatsächlich und rechtzeitig damit auseinanderzusetzen. Auf einer konkreten Ebene weiß ich inzwischen, wie es sich anhört und aussieht, wenn ein Leben verlischt. Das heißt, mir sind jetzt Phäno­mene wie das Todesrasseln und das ruckartige Atmen am Lebensende sehr vertraut. Und auf einer abstrakteren Ebene habe ich das Gefühl, da schließt sich ein Kreis, wenn das Leben eines alten Menschen zu Ende geht. Ich nehme es als etwas sehr Natürliches wahr. Überhaupt ist durch die Sterbebegleitung meine Beziehung zur Natur intensiver geworden. Mehr als je zuvor fühle ich mich zu Bergen und dem Meer, zu Wald und Seen hingezogen und verbringe mehr Zeit dort.

 

Welche Rolle spielt der Glaube an Gott?

Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es gibt Menschen, denen der Glaube an Gott in den letzten Tagen des Lebens sehr hilft. Andere finden am Ende überraschend wenig Trost in ihrer Religiosität. Ich selbst bin Gott übrigens noch nie so nah gekommen wie in der Begleitung sterbender Menschen. Das ist un­beschreiblich, wie greifbar da manchmal das Gefühl für ein höheres Bewusstsein ist, wie wunderbar aufgehoben in einem größeren Zusammenhang man sich plötzlich fühlt.

 

Haben Sie auch etwas über das Leben gelernt?

Wer den Tod bedenkt, wird freundlicher und sanftmütiger – dieser Satz stammt von Lotte Ing­risch, einer österreichischen Schriftstellerin, die sich seit langer Zeit intensiv mit dem Tod beschäftigt. Ich kann das an mir selbst beobachten und bestätigen. Mir ist durch die Sterbebegleitung zum Beispiel klar geworden, wieviel im Leben von guter Gesprächsführung abhängt. Früher war ich ziemlich barsch und impulsiv, heute reagiere ich besonnener und versetze mich bereitwilliger in die Perspektive meines Gegenübers. Auch mit Wertungen und Urteilen halte ich mich zurück. All das lernt man in der Vorbereitung auf die Sterbebegleitung: Die Welt vorurteilslos und weniger absolut zu sehen. Ich glaube, je früher einem die eigene Sterblichkeit bewusst wird, desto besser gelingt ein gutes Leben: Man hat keine Zeit zu verplempern und achtet mehr darauf, Zeit sinnvoll zu verbringen. Ich frage mich jetzt öfter, ob ich das, was ich vorhabe, auch tatsächlich machen will. Das fängt bei kleinen Dingen wie der Auswahl eines Buches oder einer Mahlzeit an und gilt auch für den Umgang mit Menschen. Interview: Patricia Harant-Schagerl

Ilka Piepgras, Jahrgang 1964, arbeitet als Redakteurin für das ZEITmagazin. Nebenbei ist sie ehrenamtlich als Sterbebegleiterin beim Lazarus-Hospizdienst in Berlin tätig.

 

Buchtipp

Die Tochter des Nachbarn kam gelaufen, weil es dem Vater sehr schlecht ging. Konfrontiert mit dessen Tod, beschließt Ilka Piepgras, sich mit dem Thema Sterben auseinanderzusetzen, und wird ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Sie berichtet auf einfühlsame Weise von ihren Begegnungen mit sterbenden Menschen, teils in deren Zuhause, teils im Hospiz, und beschreibt ihren eigenen Lernprozess im Umgang mit dem Tod.
Ilka Piepgras, Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr. Droemer Verlag 2017, 240 Seiten, Hardcover, Preis 18,50 Euro, ISBN 978-3-426-27698-3.