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Kräutergarten Stift Geras – im Gespräch mit der Schöpfung

Foto: Riccabona

Der beschauliche und von Mauern umgebene Kräutergarten im Prämonstratenser-Chorherrenstift Geras wurde erst in den 1980er-Jahren im Zuge der Renovierung des Stiftes angelegt. Er ist nach dem Idealplan des Klostergartens von St. Gallen, der auf der Vierzahl beruht, gestaltet.

Wer den Kräutergarten gegenüber der Klosterkirche des Prämons­t­ratenser-Chorherrenstifts Geras im Waldviertel betritt, kann sich sofort orientieren. Und zwar im wahrsten Sinn der Wortes, denn der Garten ist wie die Kirche orientiert, das heißt nach Osten (Orient) ausgerichtet. Wenn das Licht bei Sonnenaufgang in den Altarraum fällt und so ein Symbol für den Auferstandenen ist, durchfluten die Sonnenstrahlen im Garten die kreuzförmig angelegten Kräuterbeete.

Seit 1153 erklingt das Gebet der Chorherren in Geras. Die im Kern romanische Stiftskirche wurde erst gotisiert und im 18. Jahrhundert barockisiert. 1953 verlieh ihr Papst Pius XII. den Titel einer Basilika minor. Die heutige Klosteranlage, das „Neugebäude“, stammt aus den Jahren 1736 bis 1740 mit einem prächtigen Deckenfresko von Paul Troger im so genannten Marmorsaal.

So alt ist der beschauliche, von Mauern umgebene Kräutergarten nicht. Ende der 1980er-Jahre wurden im Zuge der Renovierung des Stiftes auch die Höfe und Gärten revitalisiert. Um eine Brachfläche gegenüber der Stiftskirche zu aktivieren, kam die Idee auf, einen klösterlichen Kräutergarten zu gestalten.

Der Garten ist nach dem Idealplan des Klostergartens von St. Gallen angelegt, der auf der Vierzahl beruht, wie „Kräuterpfarrer“ Herr Benedikt Felsinger erklärt. Die Vier symbolisiert dabei die Schöpfung: Vier Elemente, vier  Jahreszeiten, vier  Winde bzw. Himmelsrichtungen. Die Beete sind in vier mal vier Gruppen angeordnet, jede der 16 Beetflächen hat im Inneren wieder eine vierfache Unterteilung, und zusätzlich gibt es vier runde „Kräuterarenen“.

„Ein einziger Liebesbeweis an den Menschen“

Am 8. September, dem Patrozinium, scheint das Sonnenlicht bei Sonnenuntergang direkt in die Kirche. Das Kreuz der Gartenanlage ist auch genau geostet. „Es ist wichtig, dass sich der Mensch wieder hineinweben lässt in die Schöpfung, in den Dialog mit den Pflanzen“, sagt Herr Benedikt dazu. Der Klostergarten hat demnach eine christliche Botschaft: „Die ganze Schöpfung seufzt und wartet auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.“ (vgl. Röm 8,19.22). Ziel der ganzen Schöpfung sei der Mensch, die ganze Natur „ein einziger Liebeserweis an den Menschen“. „Deswegen kann sich der Mensch von der Schöpfung nicht lösen“, betont der Kräuterpfarrer. Schon der Regelvater der Prämonst­ratenser, der heilige Augustinus, riet dazu, „im Buch der Natur zu lesen“.

Wenn Herr Benedikt mit Besuchern in den Garten geht, versucht er, die Menschen aus ihrem Nutzdenken herauszulösen. Wenn wir eine Pflanze sehen, würden wir immer zuerst fragen, wofür diese gut sei – zum Essen, Würzen, Heilen. „Wenn sie mir nicht nützt, dann brauche ich sie nicht“, sei die – oft gar nicht bewusste – Haltung der meisten. „Wenn ich mit meinen Bedürfnissen auf die Pflanze zugehe, werde ich ihr als Lebewesen nicht gerecht“, klärt der Kräuterpfarrer auf. „Wir dürfen auch sehr hoch über die Pflanzen denken, denn sie sind Lebewesen und kommunizieren auch!“ Alles, was wir in Sendungen wie „Universum“ bewunderten, fänden wir auch hier im Garten.
Der Mensch habe vergessen, dass er auch zur Natur dazugehört, dass er wie die Pflanzen Teil der Schöpfung sei. „Die Pflanze ist darauf angelegt, mit dem Menschen zu kommunizieren“, ist Herr Benedikt überzeugt. Hier setzt die so genannte Signaturenlehre an, die besagt, dass etwa das Leberblümchen, das mit seinen lappigen Blättern an das Organ erinnert, eben Heilkraft für die Leber habe. Oder dass die Walnuss, die in ihrer Form an ein Gehirn erinnert, eben dieses stärken könne.

Geschichten, die uns die Pflanzen erzählen können

Doch es geht nicht immer um Heilwirkungen, sondern um Geschichten, die uns die Pflanzen erzählen können – wenn wir nur zuhören wollten. Herr Benedikt pflückt ein staubiges Blatt vom Kiesweg und erklärt, was uns der Spitzwegerich lehren kann: „Der Spitzwegerich wächst in verdichtetem Boden, seine Nerven liegen blank, er wird überfahren und übergangen – so kann ich in der Pflanze einen Lebenshelfer entdecken, allein das Betrachten genügt schon.“ Sein Vorgänger, Kräuterpfarrer Hermann-Josef Weidinger, sei ein Meister darin gewesen.

Die Liebe zur Natur wurde Herrn Benedikt schon in die Wiege gelegt, wie er sagt: „Natur – Pflanzen wie auch Tiere – waren schon immer das meine.“ Im Stift war er zuerst Mitarbeiter, dann Nachfolger des Kräuterpfarrers. „Kräuterpfarrer zu sein ist auch kategoriale Seelsorge und sorgt nicht zuletzt für ein positives Image der Kirche.“

Die Hingabe des göttlichen Lebens

Herr Benedikt will im Kräutergarten und auf Kräuterwanderungen Zusammenhänge aufzeigen – des ganzen Universums, der Schöpfung – aber er betont: „Es geht nicht um unpersönliche Kräfte, das führt zur Esoterik.“ Das persönliche Kennenlernen der Pflanzen mit allen Sinnen steht im Mittelpunkt: Riechen, Schmecken, Schauen, auch Hören (Blätter im Wind, Summen der Insekten …). Aber vor allem das Ein­üben in eine klösterliche Tugend: das Betrachten. Das absichtslose Verweilen und Sich-Öffnen für das, was da ist.

Zur Kreuzform der Anlage des Kräutergartens sagt der Chorherr abschließend: „Es ist unmöglich zu leben, ohne dass andere ihr Leben teilen, etwas von ihrem Leben hergeben. Das führt uns zum Kreuz, der Hingabe des göttlichen Lebens. Kein Leben steht isoliert da: Wer sein Leben behält, wird es verlieren.“ Markus Michael Riccabona