Das Kirche bunt Team bei der Verabschiedung von Mag. Josef Wessely, dem langjährigen Chef vom Dienst, mit Bischof DDr. Klaus Küng, mit Generalvikar Prälat Mag. Eduard Gruber, dem neuen Herausgeber von Kirche bunt und mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfriednton Leichtfried

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„Ich lebe im Gottvertrauen“

Foto: Privat

Dr. Franz-Joseph Huainigg (50) ist seit einer Impfung im siebten Lebensmonat gelähmt. Beginnend in den Beinen, stieg sie über die Jahre hoch, so dass er heute halsabwärts gelähmt und auf eine Beatmungsmaschine angewiesen ist. Trotz der Einschränkungen absolvierte Huainigg ein Studium, heiratete, gründete eine Familie und machte als Buchautor und Politiker Karriere. Sein jüngstes Buch „Mit Mut zum Glück. Das Leben wagen“ stellt Kirche bunt ab dieser Ausgabe in sieben Folgen auf Seite 16 vor. Aus diesem Anlass baten wir Dr. Huainigg zum Interview.

Wenn man Ihr Buch liest, gewinnt man den Eindruck, dass Sie von Kind an mit ungewöhnlicher Stärke alle Herausforderungen angenommen haben. Woher nehmen Sie Ihre Kraft?

Dr. Franz-Joseph Huainigg: Ich habe das Glück, dass ich Eltern habe, die mir viel Kraft und Vertrauen mitgegeben haben. Sie nahmen mich überallhin mit, meine Mutter trug mich auf dem Arm, bis ich neun Jahre alt war und mit Stützapparaten und Krücken gehen lernte, und meine Eltern kämpften dafür, dass ich in die „normale Schule“ gehen konnte. Dabei war schulische Integration in den 1970er-Jahren noch ein Fremdwort. Von meinen Eltern habe ich ein Urvertrauen gelernt, auf das ich baue und mit dem ich positiv in die Welt blicke. Das Leben hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin – nicht trotz, sondern vermutlich weil ich einige Herausforderungen zu meistern hatte. Als Baby konnte ich nach einer Impfung meine Beine nicht mehr bewegen, später, mit 35, konnte ich plötzlich meine Hände nicht mehr bewegen. Das war ein schwer hinzunehmender Verlust, nicht mehr am Computer schreiben oder mich nicht mehr alleine an- und ausziehen zu können. Und dann kam der nächs­te Schlag: Zwei Jahre später konnte ich nicht mehr richtig sehen. Den Menschen nicht mehr in die Augen schauen zu können und damit in die Seele, machte mich traurig. Ich muss­te lernen, den Nebel um mich nicht in den Kopf einziehen zu lassen. Das ist mir zum Glück gelungen. Die Beatmung war dann gar keine so große Sache mehr. Ich war oft mit Verlusten und Schwierigkeiten konfrontiert. Aber ich habe gelernt, diese als Herausforderung anzunehmen und daran zu wachsen. Das Schöne ist, dass mir das bislang recht gut gelungen ist.


Wie würden Sie sich als behinderter Mensch wünschen, dass Menschen auf Sie zugehen?

Huainigg: Viele Menschen sind verunsichert, wenn sie mir zur Begrüßung die Hand entgegenstrecken und diese unbeantwortet in der Luft hängen bleibt, weil mein gelähmter Arm sie nicht erwidern kann. Meine Assis­tentin sagt dann immer: „Einfach hingreifen.“ Viele befürchten, etwas Falsches zu sagen oder sind peinlich berührt, wenn ich eine, durch mein Beatmungsgerät verursachte, Redepause mache. In meinem Buch gebe ich zehn Hinweise zur adäquaten Begegnung mit behinderten Menschen. Der zehnte Ratschlag lautet: „Vergessen Sie diese Regeln. Schalten Sie Ihren Verstand und Ihr Feingefühl ein, seien Sie ganz Sie selbst.“ Wichtig ist Offenheit.
Mitleidige Blicke oder gar ein Streicheln über den Kopf erlebe ich auch immer wieder mal. Bestimmt gut gemeint – aber Sie wissen ja: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Entscheidend ist Mitgefühl, Empathie. Nicht über behinderte Menschen reden, sondern mit ihnen, ihnen zuhören, ihre Anliegen hören. Bei Diskussionen in Schulklassen fragte ich die SchülerInnen häufig: „Tu ich euch leid?!“ Die Reaktion war meistens ein Nicken. Wenn ich fragte „Warum tu ich euch leid?“, kamen Antworten wie: „Du hast eine Brille“ oder „Du heißt Franz“. Kindliche Unvoreingenommenheit und Ehrlichkeit kann so erfrischend sein. 


Der Titel Ihres Buches lautet „Mit Mut zum Glück. Das Leben wagen“ – glauben Sie, dass jeder Mensch Mut zum Glück braucht?

Huainigg: Ja, ich denke schon. Glück muss man auch erst mal als solches erkennen und zulassen können. Dazu braucht es manchmal eine ge­hörige Portion Mut. Wir leben in Zeiten von subjektiver Unsicherheit, Sorge und Angst. Mit meinem Buch möchte ich ein wenig Mut in die Köpfe und Herzen der LeserInnen bringen. Viele kämpfen verbissen um ihr persönliches Glück, werden dabei aber trotzdem nicht glücklich. Glück ist wie ein Schmetterling: Jagst du ihm nach, flattert er davon. Setzt du dich ruhig hin, lässt er sich auf deiner Schulter nieder. Zudem glaube ich, dass das Glück im Du liegt. Sich für andere Menschen einzusetzen, seinem Nachbarn oder seiner Arbeitskollegin ein aufmunterndes Lächeln zu schenken und für eine bessere und gerechtere Welt zu kämpfen, macht nicht nur andere glücklich, sondern auch sich selbst. Aus diesem gegenseitigen Bestärken und Unterstützen geht wiederum Mut hervor.


Viele Menschen haben Angst davor, dass sie, wenn sie älter werden, anderen zur Last fallen könnten. Was sagen Sie diesen Menschen?

Huainigg: Aufgrund meiner Behinderungen kann ich mich nicht selbstständig an- und ausziehen, nicht Bücher lesen, nicht am Computer schreiben, nicht den Rollstuhl lenken, mich nicht an der Nase kratzen – ich bin also in jeder Minute meines Lebens auf jemanden angewiesen, primär ist das mein großartiges zehnköpfiges Team an Persönlichen Assistentinnen. In manchen Momenten würde ich mir natürlich wünschen, auch einmal allein zu sein, aber generell sehe ich es als große Bereicherung für mein Leben, dass ich immer jemanden an meiner Seite habe. Es ist schön, wenn einen jemand so gut kennt, dass ein Blick oder eine Kopfbewegung genügt und es ist alles gesagt.


Sie schreiben im Buch „Gott vertrauen – wem sonst?“ Was bedeutet für Sie das Gottvertrauen?

Huainigg: Ich vertraue auf das Gute in der Welt, dass sich Dinge positiv entwickeln. Dabei glaube ich an eine gute, höhere Macht. Ich lebe im Gottvertrauen. Es gibt Momente im Leben, in denen man die Dinge nicht mehr selbst unter Kontrolle hat. Beispielsweise als ich Mitte 20 einen schweren Autounfall hatte. Ich kam auf der Autobahn auf einer Schneefahrbahn ins Schleudern, verlor die Kontrolle über das Fahrzeug – ein Moment, in dem ich gerne auf die Stopptaste gedrückt hätte, aber das ging nicht und so dachte ich nur noch: „Geschehe, was geschehen soll.“ Mein Auto war ein Wrack, ich hatte lediglich einen Kratzer auf der Wange. Ich wurde vom Arzt untersucht, der stotternd meinte: „Sie werden Ihre Beine nicht mehr bewegen können!“ – Ich darauf: „Oh nein, nicht schon wieder!“ Den verdutzten Blick des Arztes können Sie sich wahrscheinlich vorstellen.


Was macht Sie im Leben glücklich?

Huainigg: Für mich waren die großen Glücksmomente oft die scheinbar kleinen Dinge im Leben: beispielsweise mich alleine anzuziehen oder alleine ins Auto einsteigen zu können; nach meiner Gesundheitskrise 2006 wieder mit der Atemkanüle sprechen zu können und meinen Beruf ausüben zu können. Oder auch wieder essen zu lernen: Nach drei Monaten ohne Essen im Mund war ein Kaugummi mit Apfelgeschmack ein unglaublicher Glücksmoment!
Das größte Glück ist es, Menschen zu finden, mit denen man das Leben, Gefühle und Empfindungen teilen kann. Beziehungen und Freundschaften sind ein Geben und Nehmen, das glücklich macht. Ich bin zum Glück von solchen Menschen umgeben: meine Frau, die mit mir durch Dick und Dünn geht sowie unsere Kinder, die uns in Bewegung halten, uns Freude machen und für die wir da sein können.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Huainigg: 1. Dass aus unseren Kindern glück­liche und zufriedene Erwachsene werden, die sich für andere einsetzen. 2. Dass jede und jeder das Schäuflein Mut aufbringt, das es zum Glück braucht, ganz nach den je eigenen Vorstellungen. Leben und leben lassen und dadurch weniger Zank, Neid und Missgunst in der Welt.
3. Dass die Welt jährlich aufgeregt darauf wartet, nicht wer mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird, sondern welcher lernbehinderte Autor meinen Literaturpreis Ohrenschmaus bekommt. (Anmerkung der Red.: Der von Dr. Hu­ainigg ins Leben gerufene Literaturpreis zeichnet Texte von Menschen mit Lernbehinderungen aus; www.ohrenschmaus.net).


Wir sind am Beginn der Fastenzeit – der Weg hin zu Jesu Tod und Auferstehung. Wie gehen Sie mit den Themen Sterben und Tod um?

Huainigg: Ich lebe unglaublich gerne. Viele, die mich zum ersten Mal treffen oder mich nicht gut kennen, können das nur schwer nachvollziehen. Sie meinen, dass sie sich so ein Leben – gelähmt, beatmet, sehbeeinträchtigt, im Rollstuhl – für sich nicht vorstellen könnten, dass sie dann lieber sterben als leben wollen würden. Ich darf Ihnen versichern, dass die Innensicht ganz anders aussieht, und dass Menschen ihren Standpunkt meist ändern, wenn sie selbst plötzlich in ähnliche Situationen geraten.
Als ich vor 30 Jahren noch mit Krücken unterwegs war, hätte ich mir mein heutiges Leben auch nicht so vorgestellt. Die Verluste meiner Körperfunktionen sind nach und nach gekommen, es kam eines nach dem anderen und ich habe damit leben gelernt. Ich hatte genau zwei Möglichkeiten: Entweder nehme ich die Herausforderungen an, oder ich gebe auf und verzweifle daran. Das war wahrscheinlich ausschlaggebend, ich habe mich bewusst für das Leben entschieden, mit all seinen Höhen und Tiefen. Neben meinem großartigen Umfeld hat mir dabei stets das Vertrauen in Gott geholfen. Was das Thema Tod und Sterben betrifft, muss ich zugeben, dass mir diesbezüglich noch der Mut fehlt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich meinem Tod nicht getrost entgegenblicke, der Gedanke beunruhigt mich (noch). Mein Glaube und meine Hoffnung halten sich aber an die Auferstehung.    Interview: Sonja Planitzer