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Hagia Sophia – Kirche oder Moschee?

Wiederholt forderten rechtsradikale Kreise der Türkei die Umwidmung der Hagia Sophia von einem Museum in eine Moschee. Diese Forderung wurde im Ramadan 2016 und 2017 durch im Fernsehen übertragene Koranlesungen und Gebete verstärkt. Ebenso wurde ein ständiger Imam für die Hagia Sophia ernannt. Will man die Hagia Sophia schrittweise zur Moschee machen?

Einen höchst prachtvollen Anblick bietet die Kirche dar, außer Vergleich für alle, die sie erblicken, und ganz und gar unglaublich für jene, die von ihr sagen hören. Sie ragt fürwahr in den Himmel auf und steht weit über den Häusern ihrer Nachbarschaft, als sei ein Schiff vor ihnen in Anker gegangen, und so erscheint sie als Schmuckstück über der Stadt, der sie zugehört … Sie ist ausgezeichnet durch aller Beschreibung spottende Schönheit, überragend in ihrer Größe wie in Harmonie ihrer Maße.“ Mit diesen Worten beschreibt Prokopius (560) die Schönheit der Hagia Sophia. Viel von dieser Schönheit ging im Laufe von fast eineinhalb Jahrtausenden verloren. Vor allem das Äußere litt durch die notwendigen Stützpfeiler an allen Seiten zum Schutz der Kuppel. In der unglaublich kurzen Zeit von 532 bis 537 wurde vom byzantinischen Kaiser Justinian die Hagia Sophia errichtet.
Die Hagia Sophia betritt man durch zwei vorgelagerte Hallen (Narthices), von denen die innere und größere (60x11 m) für Zeremonien bestimmt war. Ihre Wände sind mit Marmor verkleidet und ihre Gewölbe prägen Mosaike aus der Erbauungszeit. In den Hauptraum führen neun Tore, wobei das mittlere für den Kaiser und sein Gefolge bestimmt war. Wer dieses Tor durchschreitet, ist überrascht von der Helligkeit des Raumes. Wie von selbst richten sich die Blicke empor zur Kuppel, die den Raum beherrscht. Die Erbauer verstanden es, eine Einheit aus dem Längsraum einer Basilika und der zentralen Kuppel zu schaffen.

Überwältigender Raum

Die Kuppel mit einer Höhe von 56 und einem Durchmesser von 31 Metern ist das bewundernswerte Meis­terwerk. Sie wird nur von vier Pfeilern, die in die Mauern des Haup­t­raumes integriert sind, getragen, wodurch sie zu schweben scheint. Licht durchflutet durch ihre 40 Fens­ter den Raum. Der Pantokrator Christus in ihrer Mitte wurde durch Koranverse ersetzt. Wiederholt wurde sie durch Erdbeben beschädigt: Bereits 558 stürzte sie ein und wurde etwas erhöht in der heutigen Form wieder erneuert.

Die Seitenwände des Raumes werden durch 40 Säulen gegliedert, die nur die Emporen tragen, und durch Kapitelle in Steinschnittarbeit abgeschlossen werden. Darüber stehen die 56 Säulen der Emporen, die oberhalb der Kapitelle und zwischen ihnen mit kostbaren Intarsien aus bunten Steinen gestaltet sind.
In den beiden Seitenschiffen sind die Wände mit Marmor spiegelbildlich verkleidet und mit einem feinen Rahmen umgeben, sodass sie wie Bilder wirken. Mosaike aus der Erbauungszeit mit Kreuzen und Granatapfelmustern zieren die Gewölbe.

Eine Überraschung bieten die Emporen, wobei die südliche als Versammlungsraum diente, in dem das 5. und das 6. Konzil von Konstantinopel stattfanden. Deshalb ist die Südempore besonders ausgeschmückt. Neben den Mosaiken mit kaiserlichen Darstellungen gehört die Deesis (Fürbitte) aus dem 13. Jahrhundert zu den eindrucksvollsten Mosaiken: Der majestätische und doch menschenfreundliche Christus als Mitte; das milde Gesicht Marias wendet sich Christus zu; Johannes der Täufer neigt sich in Demut vor Christus. Obwohl nur mehr ein Drittel des Mosaiks vorhanden ist, scheint die Beschränkung auf das Wesentliche die Wirkung zu erhöhen.
Die Hagia Sophia war durch beinahe 1000 Jahre die Hauptkirche der Orthodoxie und war Christus, der ewigen Weisheit, geweiht. Über dem Hauptportal steht auf Griechisch: „Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1,24). In der Apsis ist in einem aus dem Jahr 867 stammenden Mosaik Maria mit dem Kind auf ihrem Schoß dargestellt: Sie ist der „Sitz der Weisheit“. Zugleich diente die Hagia Sophia der Krönung und Repräsentation der byzantinischen Kaiser. In ihr wurde durch Jahrhunderte glanzvoll byzantinische Liturgie gefeiert, freilich auch im Jahr 1054 die päpstliche Bannbulle auf ihrem Altar niedergelegt, die Ost- und Westkirche trennte.
Noch am Tag der Eroberung Konstantinopels, dem 29. Mai 1453, wurde die Hagia Sophia durch den Eroberer Sultan Mehmet II. in eine Moschee umgewandelt und als solche eingerichtet. Bei den Kreuzen wurden die Querbalken abgeschlagen und die Mosaike, die Christus und Heilige darstellten, übertüncht. Erst im Jahre 1934 bestimmte sie Kemal Atatürk zum Museum.

Von einem Engel bewacht

Um die Hagia Sophia rankt sich manche Legende. Eine von ihnen weiß um den göttlichen Schutz, der ihr für immer zugesichert ist: An einem Sonntag hatte ein Knabe, der während der Essenszeit das Werkzeug der Arbeiter bewachen musste, die Erscheinung eines Engels, der ihm den Auftrag gab: „Geh und hole die Arbeiter! Ich warte hier, bis du zurückkommst.“ Der Knabe berichtete dies dem Kaiser. Dieser befahl dem Knaben, nicht mehr zum Engel zurückzukehren. So wird die Hagia Sophia bis heute von einem Engel bewacht! Prof. Hans Hollerweger