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Europa: Zutiefst vom Christentum geprägt

Foto: Kathbild/Rupprecht

DDr. Michael Weninger, Mitglied im Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dort zuständig für die Beziehungen zum Islam, im Interview mit Kirche bunt über die Europäische Union und ihre Zukunft, den Glauben und den Islam.

Im Rahmen seiner beruflichen Laufbahn als Diplomat war der gebürtige Wiener Neustädter DDr. Michael Weninger von 2001 bis 2007 als Politischer Berater der Präsidenten der Europäischen Kommission, zuerst für Romano Prodi und dann für Jose Manuel Barroso, tätig. Heute ist der Priester der Erzdiözese Wien Mitglied im Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dort zuständig für die Beziehungen zum Islam in ca. 70 Staaten, darunter alle Staaten Europas.

In Rom wurde „60 Jahre Römische Verträge“ gefeiert. Die Geburtsstunde der Europäischen Union. Wo sehen Sie Europa heute stehen?
DDr. Michael Weninger: Die Europäische Union und der europäische Integrationsprozess sind nichts Statisches. Es handelt sich um einen Entwicklungsprozess der Staaten Europas, der Nationen, Volksgruppen und Kulturen zu einer immer engeren Gemeinschaft. Es ist eine Integrationsdynamik, die nicht abgeschlossen sein kann. Der europäische Integrationsprozess hat experimentellen Charakter. Er hat im Verlaufe der bisherigen 60 Jahre natürlich auch seine Höhe- und Tiefpunkte erlebt, es sind auch Fehler passiert. Aber unterm Strich gesehen, hat der Europäische Integrationsprozess Großartiges geleistet und hat, wenn die Bürger Europas dies wollen, eine lichtvolle Zukunft vor sich! Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Europäer in der längsten Friedensperiode unserer Geschichte leben, die noch dazu eine prosperierende ist. Noch nie ist es uns so gut gegangen wie zur gegenwärtigen Zeit.

Ist also die EU nicht in einer Krise?
Weninger: Die Krise der EU ist eigentlich eine Krise der Nationalstaaten. Wir sehen in einigen EU-Ländern das Wiederaufleben eines völlig unvernünftigen Nationalismus. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Da haben die Zentralstellen der EU es einerseits verabsäumt, die Bürger über Wert, Sinn, Erfolg und zukünftige  Chancen der Europäischen Union entsprechend aufzuklären. Da muss die Informationspolitik besser werden, die Menschen müssen besser informiert werden. Und dann gibt es auch eine Scheu vor gemeinsamen Symbolen. Es stimmt: Wir haben die Europafahne und die Europahymne, aber wir haben z. B. bis heute keinen gemeinsamen und gemeinsam gefeierten europäischen Feiertag. Ein solcher wäre schon längst notwendig. Wir haben auch viel zu wenig Selbstbewusstsein für das, was wir schon erreicht haben. Was die EU, und das sind ja wir alle, erreicht hat, das ist enorm, das ist etwas Sensationelles. Das alles müsste man in Erinnerung rufen. Es gibt aber auch eine Holschuld. Nur kritisieren und EU-verdrossen sein, das ist die falsche Haltung. Die Bürger haben grenzenlose mediale Möglichkeiten, sich über die wahren Zustände, im Schlechten wie im Guten, zu informieren. 

Welche Stellung hat das Christentum in Europa?
Weninger: Europa ist ein zutiefst vom Chris­tentum geprägter Kontinent. Nur: Wenn Politiker sich dessen nicht mehr bewusst sind, nicht zuletzt auch christdemokratische Politiker, denen es ja am naheliegendsten sein müsste, wird das christlich grundierte Europa sein gläubiges Profil verlieren. Viele Christen haben schon vergessen, dass sie Christen sind und eine aus ihrem Glauben heraus getragene Mitverantwortung für den Gang der Geschichte haben. Die Christen sollten eigentlich wissen, wie sie ihrer eigenen christlichen Verantwortung gerecht werden könnten, indem sie sich einbringen in den Gestaltungsprozess der europäischen In­tegration.

Viele Menschen in Europa haben Sorge wegen der Finanz- und der Flüchtlingskrise. Können Sie das verstehen?
Weninger: Nein, das kann ich nicht verstehen und ich kann das auch nicht akzeptieren. Auch deshalb nicht, weil wir es mit der Mentalität einer überbordenden Gier, einer Gewinnmaximierung zu tun haben, in welcher der Mensch bloß als Kostenfaktor aufscheint. Eine Gier nach immer mehr Erfolg, nach immer mehr Geld und Reichtum, Gier nach einem Konsum, der grenzenlos geworden ist. Da sollte sich der Mensch mehr bescheiden, da wäre weniger mehr. Wenn man den heutigen Hedonismus (Streben nach Sinneslust und -genuss) anschaut – das kann doch nicht die Zukunft sein. Die Migranten, die nach Europa kommen – wohinein wollen wir sie denn integrieren? In die hedonistische Spaßgesellschaft? Wo es nur mehr um Lustmaximierung geht?

Gerade die Integration von Muslimen wird in Europa vielfach kritisch und der Islam als Gefahr gesehen. Was meinen Sie dazu?
Weninger: Wir müssen zunächst differenzieren lernen, denn den Islam gibt es nicht, wir müssen im Plural denken. Der Islam kennt unterschiedliche Traditionen, Kulturen und gesellschaftliche Umstände. Wir sehen in der islamisch-muslimischen Welt ja alle Gesellschaftsmodelle. Wir sehen Demokratien wie z. B. in Indonesien, Monarchien wie in Saudi Arabien und Marokko, eine parlamentarische Theokratie wie im Iran – und dann gibt es noch jede Menge Zwischenformen. Und dann gibt es extremistische Gruppen wie den Islamischen Staat, der mit Hilfe von Terror und Krieg eine territoriale Macht aufzubauen versucht und sich letztlich selber zum Scheitern verurteilt hat. Ich würde meinen Mitbürgern zwei Dinge empfehlen: Zunächst einmal, sich mit dem eigenen Glauben mehr zu beschäftigen, und zweitens sich mit dem Islam eingehender auseinanderzusetzen. Ein Gespräch kann nur stattfinden, wenn ich als Christ Rechenschaft von meiner Hoffnung abgeben kann, wenn ich meinem Gesprächspartner erklären kann, warum und was ich bin, wenn ich Katholik bin. Und noch schlimmer ist es, wenn ich nichts über meinen Gesprächspartner aus der islamischen Welt weiß. Bei solchen mangelhaften Voraussetzungen kann kein konstruktives Gespräch zustande kommen.

Haben Sie Sorge um Europa?
Weninger: Ich habe genau die Sorgen um Europa, die ich als Priester um die Menschen grundsätzlich habe. Wie kann ich die Menschen zu einem menschenwürdigen Dasein führen? Einzeln für sich und in Gemeinschaft mit den anderen. Die Sorge um Europa ist eine Sorge um unsere Existenz ganz grundsätzlich,  weil Europa und der europäische Integrationsprozess ein Experiment sind und da arbeiten viele grandiose Menschen zusammen – und da gibt es schon die Sorge, was am Ende rauskommen wird. Das ist völlig offen. Sop