Das Kirche bunt Team bei der Verabschiedung von Mag. Josef Wessely, dem langjährigen Chef vom Dienst, mit Bischof DDr. Klaus Küng, mit Generalvikar Prälat Mag. Eduard Gruber, dem neuen Herausgeber von Kirche bunt und mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfriednton Leichtfried

Kirche bunt ABO

Banner Kirche Bunt

 
 

Ein offenes Haus der Geschichte für Niederösterreich

Foto: Daniel Hinterramskogler

Am 9. September wurde in St. Pölten nach dreijähriger Vorarbeit das „Haus der Geschichte“ eröffnet. In rund einem Dutzend thematischen Clustern werden 40.000 Jahre Geschichte in zentraleuropäischem Zusammenhang beleuchtet. Eine Schwerpunktausstellung widmet sich der „umkämpften Republik“ Österreich von 1918 bis 1938.

Niederösterreich hat ein „Haus der Geschichte“. Die erste derartige Einrichtung in ganz Österreich bildet innerhalb des Museums Niederösterreich ein Pendant zum „Haus der Natur“. Der 9. September 2017 geht als Datum der festlichen Eröffnung nun seinerseits in die Geschichte ein. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner sprach dabei von einem „im wahrsten Sinne des Wortes historischem Tag“ für das Land Niederösterreich. Unter den zahlreichen Ehrengästen waren der frühere Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll, der Apostolische Nuntius Peter Stephan Zurbriggen, Diözesanbischof Dr. Klaus Küng und der Wiener Weihbischof Dr. Franz Scharl.

Nur drei Jahre vergingen vom Landtagsbeschluss bis zur Eröffnung des neuen Museums. Die Umsetzung glich einem „sehr sportlichen Vorhaben“, wie der wissenschaftliche Leiter, der Grazer Historiker Stefan Karner, vorab bei einer Präsentation erläuterte. Untergebracht ist das „Haus der Geschichte“ in der ehemaligen „Shedhalle“, die von Hans Hollein vor allem für Kunstausstellungen konzipiert wurde. Mit drei Millionen Euro hielten sich die Kosten für den Umbau inklusive allen notwendigen Adaptierungen und barrierefreien Zugängen zu allen Bereichen in einem moderaten Rahmen.

40.000 Jahre im zentraleuropäischen Kontext

40.000 Jahre Geschichte auf knapp 3.000 Quadratmetern – kann das gut gehen? Tritt der Besucher durch die erste Tür, umfängt ihn zuerst einmal Dunkelheit. Von der Decke hängen Kästen mit leuchtenden Inschriften – ein erster Wegweiser mit Sätzen wie: „Das Gedächtnis der Menschen ist so furchtbar kurz“ (Bertha von Suttner) oder „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler“ (Ingeborg Bachmann).

Ein klassisches Museum will das „Haus der Geschichte“ nicht sein. Erst recht sucht man so etwas wie eine Zeitleiste vergebens, auf Jahreszahlen stößt man zumeist ganz am Rande. Auf drei Ebenen aufgeteilt laden elf thematische Cluster zum Entdecken ein. In einem der ersten Bereiche werden Flucht und Wanderung als geschichtliches Phänomen zum Thema. Vor wenigen Jahren hätte dieser Aspekt kaum solche Bedeutung gehabt wie heute, zwei Jahre nach Beginn der „Flüchtlingskrise“. Erschauern lässt ein zehn Meter hoher stählerner Wachturm, der einst an der Grenze zur damaligen CSSR stand. Und gleich daneben der selbst gebaute primitive Hängegleiter mit Trabi-Motor, mit dem Jiri Rada 1988 die Flucht nach Österreich gelang. Drei Jahre später war der Eiserne Vorhang Geschichte. Aber ist er wirklich so ganz aus den Köpfen verschwunden?

Manche Bereiche wirken allein schon durch die Inszenierung beklemmend. Da ist eine in Schwarz gehaltene Wand mit Wahlplakaten aus der Zwischenkriegszeit, und mittendrin ragt aus einer leuchtend roten Nische eine Lenin-Büste heraus. Die Museumsgestalter geben keine Interpretation vor, jede/r kann und soll sich eine eigene Meinung bilden. Zusammenhänge sind wichtiger als Einzelereignisse. Schwer stehen die alten Schulbänke im Raum, in der Vitrine dahinter hängt die mehr als vier Jahrhunderte alte Gründungsurkunde der Universität Graz. Im Gegenüber technischer Errungenschaften und politischer Ereignisse wird klar, dass es keine lineare Entwicklung der einzelnen Bereiche gibt. Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie, Kultur und Politik sind eng miteinander verflochten.

Bei der Presseführung zwei Tage vor der Eröffnung wird an vielen Stellen noch eifrig gewerkt. Auch das ist symptomatisch: Das „Haus der Geschichte“ will ein offenes Haus sein, und so werden im Lauf der Zeit auch viele der ausgestellten rund 2.000 Objekte durch neu hereingekommene ersetzt werden. Man habe keine Lehre, sondern führe in diesem Haus ein Gespräch über Geschichte und letztendlich auch über uns selbst, so Stefan Karner in seiner Eröffnungsrede. Ausstellung, Forschung und Service bilden im „Haus der Geschichte“ ein einheitliches Konzept. Alle Themen sind bewusst in einen zentraleuropäischen Kontext gestellt, ein Schwerpunkt liegt auf der Zeit von 1848 bis heute.

Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählen der Dienstwagen von Leopold Figl, ein Faksimilie des Staatsvertrages von 1955 und der Bonjour-Rock von Kaiser Franz Joseph. Historische Dokumente beleuchten Anfang und Ende der Ersten Republik – Letzteres anhand des Berchtesgadner Abkommens vom 12. Februar 1938, mit dem das Ende der österreichischen Unabhängigkeit bereits besiegelt war. Eine Lutherbibel aus Wiener Neustadt und eine von Joseph II. benutzte Handpresse sind ebenso einzigartige Exponate wie ein funktionstüchtiger Jacquard-Webstuhl und eine Chiff­rier­maschine aus dem Zweiten Weltkrieg.

Es kann auch ein wenig Nostalgie aufkommen, etwa beim grünen Steyr-Traktor 80a, der für viele Bauern Niederösterreichs eine Revolution bedeutet hat, beim Steyr-Puch 500 mit auf­lackiertem „I am from Austria“-Banner oder einem TV-Radio-Kombi­gerät, das im endlich freien Österreich die weite Welt ins Wohnzimmer brachte – Multimedia-Feeling der besonderen Art.
Die Tür für die „Schüler der Geschichte“ ist geöffnet. Es erwartet sie eine äußerst interessante Geschichtsstunde. Schlager