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Ein Diener Luthers im Stift Melk

Foto: Wolfgang Zarl

Neben den vielen gelehrten Studien, die zum Gedenkjahr an Luthers Thesenanschlag 1517 erschienen sind, gibt es auch Geschichten, die zum Schmunzeln verleiten: Ausgerechnet ein Diener Luthers wendet sich vom neuen Glauben ab und wird Benediktinermönch.

Am 10. August 1593 war der große Tag des Frater Hilarius Größe aus Hamburg. Da legte der Novize des Benediktinerstiftes Melk seine Profess ab. Dass Fr. Hilarius nicht wie die anderen Mönche dieser Zeit in Vergessenheit geriet, dafür sorgte sein Leben vor dem Ordenseintritt. Die Chronik des Melker Priors Johannes Cellensis bezeichnet ihn nämlich als „famulus Lutheri Wittenbergensis“, als ehemaligen Diener des Reformators Martin Luther. Fr. Hilarius hat seinen Mitbrüdern gern und oft von seinem Herrn erzählt, dem er in seiner Jugend gedient hat, weiß die Chronik zu berichten: „Martin Luther sei eine Person von fettleibiger kleiner Statur gewesen, von überragender Geistesgröße und hochfahrend, die niemandem nachgab und von allen mit höchster Ehrerbietung behandelt wurde, und wenn er sich aufmachte, um zu seiner Vorlesung oder zum Unterricht zu gehen, drängten sich stets 200 Schüler um ihn. Auch habe er oft und viel getrunken. Abends, wenn er seinem Herrn die Strümpfe und Schuhe auszog, habe er oft unter heftigem Seufzen gesagt: Martin, was hastu angefangen. Desgleichen Martin, Martin, was
thuestu? und ähnliches. Dann und wann habe er mit ihm gescherzt. Bezüglich des Studiums erzählte er, dass jener (= Luther) viele Nächte damit verbrachte.“

Vom Widerspruchsgeist des Reformators geprägt

Martin Luther (verstorben 1546) hat den Ordenseintritt seines einstigen Dieners nicht mehr erlebt. Wenn man aber bedenkt, wie scharf Luther, lange Zeit selbst Mönch, gegen das Mönchtum polemisierte, würde er wohl versucht haben, seinen Famulus von diesem Schritt mit allen Mitteln abzuhalten. Doch ganz spurlos scheint die Zeit an der Seite Luthers nicht an Fr. Hilarius vorübergegangen zu sein. Ein wenig wurde er doch vom Widerspruchsgeist des Reformators angesteckt. In der Chronik steht darüber: „Dieser Bruder mag sonst ein gelehrter und redlicher Mann gewesen sein, er konnte dennoch durch kei­nerlei Argument davon überzeugt werden zu glauben, dass die Kinder, die ohne Taufe da­hinscheiden, verdammt sein sollen (wie es damals katholische Lehre war). Energisch behauptete er und sagte: Lieber Gott, was haben dan die liebe Khindtl boeß gethan? Gott ware ungerecht wan er solche liebe Kindtl nit zu sich in Himel nehme.“

Johannes Cellensis ist Fr. Hilarius nicht mehr persönlich begegnet, der Chronist hat die Informationen von älteren Mitbrüdern, die diesen noch gekannt haben. Fr. Hilarius war aber durch seine Lebensgeschichte eine herausragende Persönlichkeit, die im gemeinschaftlichen Gedächtnis des Klosters einen festen Platz hatte. Die Informationen über ihn sind absolut glaubwürdig, sodass, wie der Chronist selbst unterstreicht, kein Zweifel darüber bestehen kann, dass der in hohem Alter in Melk eingetretene Hilarius in jungen Jahren Famulus bei Luther war. Dass der bekehrte Hilarius zu Propagandazwecken von der katholischen Hierarchie erfunden worden wäre, ist auszuschließen. Obwohl damals beiden Seiten – Katholiken und Protestanten – solche Untergriffe nicht fremd waren. Die Biografie von Fr. Hilarius wurde nie als Druckwerk veröffentlicht und verbreitet.

Melker Mönche: Wach für die Zeichen der Zeit

Unabhängig von Fr. Hilarius zeigt der Eintrag in die Melker Annalen zum Jahr 1518, wie sehr Martin Luther das gesamte Reich bewegt hat. Gleichzeitig wird deutlich, wie wach die Melker Mönche für die Zeichen der Zeit waren. Für die Ereignisse jedes Jahres stehen in den Annalen nur wenige Zeilen zur Verfügung. Nur das wirklich Wichtige kann festgehalten werden. Für 1517 ist das der Besuch Kaiser Maximilians im Stift und zu 1518 heißt es: Der Augustiner-Eremit Martin Luther verbrennt das Kirchenrecht und sorgt mit seiner haltlosen Kritik an den kirchlichen Vorschriften für Aufruhr in Deutschland. Josef Wallner