Kirche bunt ABO

Banner Kirche Bunt

 
 

Ein Blinder sieht tiefer

Der Einsatz des „Bergpredigtpazifisten“ Dr. Stefan Matzenberger (1919–1986) für einen Weltfriedenstag blieb nicht ohne Widerhall. Am 1. Jänner 1968 – vor genau 50 Jahren – beging die katholische Kirche erstmals den Weltfriedenstag.

Stefan Matzenberger konnte sich nicht lange über die bestandene Matura freuen. Vier Wochen nach der Reifeprüfung wurde der knapp 21-jährige junge Mann aus Ertl (in der Nähe von Stift Seitenstetten) im Zweiten Weltkrieg zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. „Wir wurden unterwiesen, wie man einen ‚Feind‘ mit der blanken Stichwaffe ersticht, mit dem Gewehrkolben erschlägt, im Nahkampf erschießt und mit der Handgranate vernichtet. Diese Brutalitätsausbildung machte auf mich, einen gläubigen Katholiken, einen großen Eindruck.“ Matzenberger fasste den Entschluss, auf keinen Fall einen Menschen zu töten.

Er konnte an einem Sanitätskurs teilnehmen und war dann als Sanitäter an vorderster Front: „Im strengen Kriegswinter 1941–1942 erlebte ich verbrecherische Sturmangriffe und Kesselschlachten und war oft in äußerster Lebensgefahr.“ Das Angebot, in Berlin Medizin zu studieren und damit der Front zu entkommen, lehnte er ab. Denn er hätte sich verpflichten müssen, als Militärarzt bei der Wehrmacht zu bleiben.

Die Katastrophe

Der 26. März 1942 hat das Leben von Stefan Matzenberger von Grund auf verändert: Er wurde schwer verwundet, vierzig Granatsplitter mussten aus seinem Körper entfernt werden, monatelang schwebte er zwischen Leben und Tod. Er überlebte – blieb aber blind. Damit aber noch nicht genug an Leid, das der Krieg über ihn gebracht hat: Sein Bruder Hans, der ihm, dem Blinden, lebenslange Hilfe versprochen hatte, fällt im Frühjahr 1943, seine Schwester Rosi wird im Februar 1945 Opfer eine amerikanischen Tieffliegerangriffs auf den Zug, in dem er sich zusammen mit ihr befindet. Sie wollte den blinden Bruder von Wien, seinem Studienort, nach Hause begleiten. Noch während des Krieges hatte Matzenberger mit dem Studium der Rechtswissenschaften begonnen, das er 1947 mit dem Doktorat abschloss.

Im Jahr 1946 heiratete er Elisabeth Kadlec. Seine Frau wird ihm zur Stütze seines Lebens. Dem Paar werden vier Kinder geboren. Ein bescheidenes Auskommen hatten er und seine Familie dank einer Tabak-Trafik, die ihm als Kriegsversehrtem vom Staat in Wien zugeteilt wurde, seine Leidenschaft gilt aber dem Engagement für den Frieden. Alles, was ihm in die Hände kommt, lässt er sich vorlesen: soziologische, völkerrechtliche und friedenswissenschaftliche Studien. Matzenbergers Einsatz ist beeindruckend: Er veröffentlicht zwei Bücher, verfasst an die 500 Artikel, schreibt rund 16.000 Briefe an Entscheidungsträger der Gesellschaft, ist an der Gründung von „Pax Christi Österreich“ beteiligt, an der Einführung des Zivildienstgesetzes, an der Gründung des Friedensforschungsinstitutes, das schließlich in Burg Schlaining verwirklicht wird, und er und unterstützt Wehrdienstverweigerer.

Gegen den „gerechten Krieg“

Neben Politikern sind für den tiefgläubigen Katholiken Matzenberger in besonderer Weise kirchliche Würdenträger Adressaten seiner Studien. An Papst Johannes XXIII. schreibt er wenige Tage nach dessen Amtsantritt im Herbst 1958: „Die Kirche des Friedensfürsten hat bisher noch längst nicht alle Möglichkeiten der Kriegsbekämpfung wahrgenommen. (...) Sie darf mit der Brutalität des Krieges keine Kompromisse schließen.“ Konkret fordert er einen Weltfriedenstag: „Kirchlicherseits könnte und sollte ein Fest des Friedensfürsten Jesus Christus eingeführt werden.“

In der Vorbereitungszeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) schickt er zwei ausführliche Stellungnahmen an dessen Theologische Kommission, die mit der Erarbeitung der Dokumente befasst ist. Dabei geht es ihm vor allem den sogenannten „gerechten Krieg“. Dass die Kirche den Angriffskrieg ächtet, ist Matzenberger zu wenig. Sie muss auch die Lehre vom „gerechten Krieg“ revidieren, denn sie lässt sich nicht aufrechterhalten – wie Wissenschaft und Praxis zeigen: „Eine gerechte und christliche Menschenschlächterei gab es nicht und gibt es nicht. Ein gerechter Krieg ist ebenso unmöglich wie eine liebevolle Barbarei.“ Für ihn ist ausnahmslos jeder Krieg ungerecht, unchristlich und rechtlich verwerflich.

Nicht vergeblich

Einige Jahre vor seinem Tod gibt sich Matzenberger Rechenschaft über das, was er mit seinem rastlosen Einsatz erreicht hat. Neben den Gesetzen, die er in Österreich mitgestalten konnte, erwähnt er die Schaffung der päpstlichen Kommission „Iustitia et Pax“ und die Einführung des Weltfriedenstags durch Papst Paul VI. Wenn man auch nicht haarklein den Beitrag Matzenbergers zu dieser päpstlichen Entscheidung nachvollziehen kann, den Boden für den Weltfriedenstag – jeweils am 1. Jänner – hat er sicher mitbereitet. Auch in die Frage nach dem „gerechten Krieg“ ist Bewegung gekommen – durch die Päpste selbst. Obwohl der „gerechte Krieg“ seit mehr 1500 Jahren Bestandteil der kirchlichen Lehre ist, war Johannes Paul II. ein Kriegsgegner ohne Wenn und Aber. So hat er 2003 bis in die letzten Minuten vor der Invasion der US-Truppen in den Irak – wenn auch vergeblich – um eine friedliche Lösung gekämpft. Papst Franziskus geht in der Friedensfrage denselben Weg der Ächtung jedes Kriegs.


Josef Wallner