Das Kirche bunt Team bei der Verabschiedung von Mag. Josef Wessely, dem langjährigen Chef vom Dienst, mit Bischof DDr. Klaus Küng, mit Generalvikar Prälat Mag. Eduard Gruber, dem neuen Herausgeber von Kirche bunt und mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfriednton Leichtfried

Kirche bunt ABO

Banner Kirche Bunt

 
 

Die Realität des Alterns und Kleinerwerdens akzeptieren

Foto: Leopold Schlager

Sr. Franziska Bruckner, Generaloberin der Gemeinschaft der Franziskanerinnen Amstetten und Vizepräsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs (VFÖ), im „Kirche bunt“-Interview über ihre Berufung, über die Zukunft der Frauenorden und welche Wünsche sie als Ordensfrau an die Gesellschaft und innerkirchlich hat.

Sie haben sich ganz jung – mit 15 Jahren – für das Ordensleben entschieden. Haben sich Ihre Erwartungen daran erfüllt oder kam dann doch irgendwann der Wunsch nach einer eigenen Familie?
Sr. Franziska: Es gab und gibt natürlich ein Auf und Ab wie in jedem Leben, aber heute kann ich sagen: Das ist mein Weg, ich stehe zu meiner Entscheidung und bin gern mit den Schwes­tern auf dem Weg der Nachfolge Jesu. Die franziskanische Spiritualität schenkt mir die Freiheit, mich persönlich zu entfalten und das gemeinsam mit Frauen, die mit mir unterwegs sind. Bezüglich eigener Familie: Für mich war das nie wirklich ein Thema. Ich weiß aber, dass das für andere Ordensfrauen schon eine sehr intensive Herausforderung sein kann. Ich erlebe es als Geschenk, dass ich nicht einer anderen Lebensform nachtrauere – dafür bin ich unendlich dankbar.


Laut einer Studie lebten 2016 in den 105 Frauenorden in Österreich 3.643 Schwestern. Nur 22 Prozent davon sind jünger als 65 Jahre, 55 Prozent hingegen über 75 Jahre alt. Immer mehr ältere Schwestern und wenige jüngere, die nachkommen – haben Sie Sorge um die Frauenorden?
Sr. Franziska: Natürlich ist eine gewisse Sorge da, weil ich nicht in die Zukunft schauen kann und nicht weiß, ob sich das einmal ändern wird. Es ist schon so, dass sich in unterschiedlichen Gemeinschaften immer wieder junge Menschen anschließen, aber die Größe, die die Orden in den letzten Jahrzehnten hatten, die wird es so schnell nicht wieder geben. Ich erinnere an den Vortrag von Dr. Helga Penz anlässlich des Jubiläumsfestes „50 Jahre Vereinigung Frauenorden Österreichs“ im April 2016. „Wir sind auf dem Rückweg zum Normalfall, nicht in einer außergewöhnlichen Krisenzeit des Ordensstands“, so hat sie das ins Wort gebracht, was wir heute schmerzlich erleben und erleiden. Denn im 19. Jahrhundert, als die soziale Not groß war, wurden viele apostolisch tätige Frauengemeinschaften gegründet – und das scheint sich heute wieder zurückzuentwickeln.


Was tut man, um den Herausforderungen kleiner werdender Orden zu begegnen?
Sr. Franziska: Der Blick muss meines Erachtens immer in zwei Richtungen gehen. Es geht zum einen um die Apostolate, die sich in konkreten Werken zeigen und es geht um die Menschen in den Gemeinschaften. Wir – da schließe ich uns ganz konkret mit ein – sind herausgefordert die Realität des Alterns und des Kleinerwerdens zu akzeptieren. Wir schauen dankbar auf das, was uns geschenkt wurde, und auf das, was wir im Heute mit den Menschen teilen dürfen.
Unsere Bildungseinrichtungen haben wir 2007 in einen Verein ausgegliedert. So soll gesichert werden, dass diese weiterhin als katholisch und franziskanisch geprägte Privatschulen ein alternatives Bildungsangebot sein können. Und ganz wichtig und hilfreich ist die Vernetzung der Orden, speziell auch der franziskanischen Ordensgemeinschaften. Ich sehe darin eine große Chance in unserer Zeit. Gerade in der religiös-spirituellen Begleitung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegt ein spannendes und weites Feld des Dienstes jeder einzelnen Ordensfrau – auch unserer Gemeinschaft.


Geht man auf junge Leute aktiv zu?
Sr. Franziska: Wenn mich während der Zeit des Überlegens jemand direkt angesprochen hätte, ob ich Ordensfrau werden möchte, dann hätte ich „Nein“ gesagt. Ich habe in mir diese Idee gespürt und bin dann auf die Suche gegangen, wer mir helfen könnte. Ich habe eine ältere Schwester konkret gefragt: „Wie geht das?“ Und schrittweise hat sich der Weg gezeigt. Andere wieder erzählen: Wenn ich nicht angesprochen worden wäre, wäre ich nie auf die Idee gekommen, in einen Orden einzutreten. Für mich persönlich ist es also sehr zwiespältig, jemanden anzusprechen. Ich glaube, das ist so, wie wenn man sich verliebt: Da muss der Funke einfach überspringen, das lässt sich nicht erzwingen. Womit ich eine gute Erfahrung machen durfte, ist das „Franziskanische Berufungsjahr“, das wir im Vorjahr angeboten haben und das es auch heuer ab Oktober wieder geben wird. Wir haben uns an fünf Wochenenden mit interessierten jungen Menschen getroffen und mit ihnen diskutiert, gebetet, gearbeitet und gefeiert. Ich glaube nicht, dass da irgendjemand aktiv angesprochen wurde, aber drei der insgesamt zwölf TeilnehmerInnen haben sich für das Ordensleben entschieden.


Was muss man denn mitbringen, wenn man in einen Orden eintreten will?
Sr. Franziska: Grundlegend ist für mich die Sehnsucht nach dem Leben mit Gott und die Bereitschaft für ein Leben nach dem Evangelium. In der Freude sich gemeinsam zu engagieren und einzusetzen, liegt eine weitere Kraftquelle, um sich den vielfältigen und oft kont­rären Herausforderungen im Alltag zu stellen und sie zu bewältigen. Dazu braucht es menschliche und geistliche Kompetenzen, die zum einen mitgebracht werden müssen, zum anderen im Lauf des Lebens erworben werden. Entscheidend ist es, fähig zu sein, mit anderen Menschen zusammenleben und die Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen und trotz allem für den eigenen Weg einzustehen. Leben in einer Ordensfamilie baut wesentlich auf Beziehungsfähigkeit auf, sonst sind beide überfordert – die Person und die Gemeinschaft.


Das Diakonat für die Frau oder auch das Priestertum sind Themen, die gerade auch in den Frauenorden immer wieder angesprochen werden. Wie wichtig sind für Sie diese Fragen?
Sr. Franziska: Für mich persönlich ist es kein Problem, dass ich keine Eucharistiefeier leiten kann, aber ich weiß, dass es Schwestern gibt, für die das wichtig wäre und die darunter wirklich leiden, dass sie das nicht tun dürfen. Es gibt aber schon Dinge, die bedenkenswert wären. Ich habe da z. B. von Papst Franziskus zum Jahr der Barmherzigkeit ein Buch gelesen, da beschreibt er u. a., wie schön es ist, wenn er in der Beichte als Priester die Lossprechung zusagen darf. Und da habe ich in mir die Frage gespürt: Warum darf einer Frau solch eine tiefe Erfahrung nicht geschenkt sein? Was mich persönlich oft stört, ist, wenn bei den Lesungen ,Brüder‘ gelesen wird. Da frage ich mich, warum ist die Anrede ,Schwestern und Brüder‘ nicht schon für alle selbstverständlich? Für mich hat das viel mit Wertschätzung zu tun. Ich wünschte mir, dass das auch in der deutschsprachigen Liturgiekommission stärker thematisiert werden würde.


Was wünscht man sich als Ordensfrau von der Gesellschaft?
Sr. Franziska: Es ist sicherlich so, dass ich im Umgang mit den Menschen merke, dass viele nicht mehr kirchlich sozialisiert sind. Ich würde mir mehr Offenheit und Toleranz gegenüber dem Ordensleben wünschen. Wir leben alle im Heute, niemand kann sich aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit ausklinken. Es geht um das Ringen und Suchen nach einem wertschätzenden Umgang mit dem menschlichen Leben in seiner ganzen Fülle. Wir sind herausgefordert, uns den Problemen einer globalisierten Welt zu stellen, in der viele an den Rand gedrängt werden. Und nicht zuletzt – und das ist wiederum spezifisch franziskanischer Grundauftrag – geht es um die Bewahrung der Schöpfung, dass wir gut und lebensgerecht mit allen Menschen und mit der Natur umgehen. In all diesen Fragen und im Umgang miteinander wünsche ich mir eine tiefe Ehrfurcht und großen Respekt.


Gibt es Wünsche als Frau im Frauenorden innerkirchlich?
Sr. Franziska: Was ich mir manchmal wünschen würde – das hängt sicherlich auch mit der Frage Frauen/Männer zusammen – dass wir als Ordensfrauen stärker wahrgenommen werden.
Ich glaube, dass es notwendig und hilfreich ist, wenn das geweihte Leben in seinen vielfältigen Formen in der Ausbildung von Priestern, Diakonen bzw. bei den Laientheologen intensiver behandelt wird und Möglichkeiten zur Begegnung geschaffen werden. Das könnte das gegenseitige Verständnis vertiefen und dem gemeinsamen Auftrag aller Christen und Chris­tinnen, in der Welt von heute dienen.


Hat das Jahr der Orden etwas für die Frauenorden bewirkt?
Sr. Franziska: Es gab in diesem Jahr viele wertvolle und spannende Begegnungen innerhalb der Orden und mit interessierten Frauen und Männern. Kontakte wurden neu geschaffen oder/und intensiviert, Angebote gut wahrgenommen. Manches davon durfte weiterwachsen, z. B. wird die geistliche Begleitung gut angenommen. Exerzitien im Alltag, die von Ordensfrauen begleitet werden, sind gefragt, regelmäßig stattfindende Meditationsnachmittage sind gut besucht. Zusammenfassend möchte ich es so formulieren: Es ist ganz wichtig für uns Ordensfrauen, uns den Fragen und Anliegen der Menschen zu stellen, egal in welchem Bereich wir mit ihnen unterwegs sein dürfen bzw. unterwegs sind.     Interview: Sonja Planitzer

 

 

Zur Person

Sr. Franziska Bruckner wurde 1960 in Kirchbach im niederösterreichischen Waldviertel geboren. 1975 trat sie in die Gemeinschaft der Franziskanerinnen Amstetten (Kongregation der Schulschwestern 3. OSF) ein. 1981 legte sie ihre ersten Gelübde ab. Von 1981 bis 1983 absolvierte sie die Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin. 1986 legte sie die Ewige Profess ab. Einsatz in den Schulen der Franziskanerinnen in Amstetten und Ybbs bis 2002 und als Erzieherin im Internat in Amstetten bis 1996. In der Ordensleitung hatte sie von 1992 bis 1998 die Aufgabe als Generalvikarin und von 1998 bis 2004 als Generalrätin inne. Seit 2004 ist Sr. Franziska Bruckner Generaloberin ihrer Gemeinschaft. Sr. Franziska Bruckner ist Vertreterin aus dem deutschen Sprachraum in der UISG, der Vereinigung der Generaloberinnen weltweit.

Gemeinschaft der Franziskanerinnen: Derzeit gibt es in der Diözese St. Pölten 50 Franzis­kanerinnen in sechs Niederlassungen: Amstetten (12), Hainstetten (23) – dort ist der Pflegebereich für die Schwestern; Zwettl (5),  St. Pölten (5), Langenlois (3) und Waid­hofen/Ybbs (2).