Das Kirche bunt Team bei der Verabschiedung von Mag. Josef Wessely, dem langjährigen Chef vom Dienst, mit Bischof DDr. Klaus Küng, mit Generalvikar Prälat Mag. Eduard Gruber, dem neuen Herausgeber von Kirche bunt und mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfriednton Leichtfried

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Die Lebensernte einbringen

Foto: zhu difeng - fotolia

Die bekannte Logotherapeutin und Buchautorin Dr. Elisabeth Lukas, Schülerin von Viktor Frankl, hat „Kirche bunt“ einen Text über die „Lebensernte“ zur Verfügung gestellt – für Senioren und Leser jeden Alters.

Je älter man wird, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Die Tage und Monate fliegen nur so dahin. Da kann schon das Gefühl aufkommen, dass man nicht mehr allzu viel vom Leben zu erwarten hat. Dass es bald „aus“ sein wird.

Doch was bedeutet dieses „aus“? Gewiss, mit der schwindenden Lebenszeit schwindet auch unsere Zukunft, die wir noch vor uns haben. Sie wird kleiner, sie schrumpft. Aber was ist mit unserer Vergangenheit? Sie wird größer, sie füllt sich an! Und womit füllt sie sich? Nun, mit allem, was wir geschaffen, was wir erlebt, was wir ertragen und mutig durchgestanden haben. In einem berühmten Gleichnis von Viktor Frankl wird unsere menschliche Zukunft mit einem Getreidefeld verglichen, aus dem wir im Prozess der jeweiligen Gegenwart Korn ernten und in die Scheune unserer Vergangenheit einfahren. Warum sollten wir traurig sein, wenn wir im Alter auf ein schon ziemlich abgeerntetes Stoppelfeld (geschrumpfter Zukunft) zurückblicken – wir können genauso froh und dankbar sein über das viele herrliche Korn, das bereits geborgen in der Scheune unserer Vergangenheit ruht.


Ja, was in diese Scheune einmal eingebracht worden ist, ist geborgen! Es ist geradezu vor dem Vergehen gerettet! Da hat vielleicht jemand 30 glückliche Ehejahre „geerntet“; wer wollte ihm auch nur ein oder zwei Jahre davon rauben? Da hat ein anderer Jahrzehnte beruflichen Engagements eingebracht. Keine Macht der Welt kann rückwirkend sein Engagement ungeschehen machen. Da hat wieder jemand anderer Kinder liebevoll großgezogen. Möglich, dass seine Mühen längst vergessen sind – das Gedächtnis der Menschen ist kurz. Aber was spielt das für eine Rolle? In der Vergangenheit einer Person ist alles unwiderruflich gespeichert: die Liebe, die sie ausgeteilt hat, die Liebe, die sie empfangen hat, die Früchte, die ihre Arbeit getragen hat, die Plagen, die sie auf sich genommen hat. Jeder schöne Gedanke, jeder Funke „guten Willens“, jede gütige Handreichung an einen Nächsten ist in sie eingebettet für immer. Nicht einmal der gewaltige Tod, der „Sensenmann“, hat Zugang zur Scheune unserer Vergangenheit. Aus unserer Lebensgeschichte kann er kein bisschen mehr herausschneiden. Zukunft und Gegenwart werden uns dereinst verloren gehen, doch das Gewesene bleibt bestehen.


Allerdings rutscht beim lebenslangen Erntevorgang auch allerlei „Unkraut“ mit in unsere Scheune hinein. Jeder von uns hat Fehler gemacht oder manch rechte Tat versäumt. Neben den Glanzlichtern und Sternstunden, die wir eingesammelt haben, gab es Versagungen und Misserfolge. Das gehört zum menschlichen Dasein dazu. Grämen wir uns deswegen nicht! Noch ist das Getreidefeld vor uns nicht völlig leer. Gehen wir getrost daran, vorletzte und letzte wertvolle Garben einzuholen, wo immer wir sie finden können. Wie wäre es damit, gelegentlich ein freundliches Wort auszuteilen oder eine kleine Hilfsbereitschaft anzubieten? Wie wäre es mit einer längst überfälligen Versöhnung? Mit einem herzlichen Gruß an jemanden, der ihn gar nicht erwartet? Mit einem Geschenk an eine bedürftige Familie? Mit einem stillen Dank an den Schöpfer?

So viele kostbare „Halme“

Ach, so viele kostbare Halme wachsen auf dem Feld, die auch ein älterer Mensch noch pflücken und in seine Scheune hinein transportieren kann. Wenn er sie dort über dem Unkraut stapelt, das ihm irrtümlich dazwischen geraten ist, tut das Unkraut überhaupt nicht mehr weh. Es wird vom Korn aufgewogen …
Bedenken wir: Der Tag, an dem sich das Scheunentor schließt, ist der Tag, an dem unser Getreidefeld endgültig verfällt. Unser Lebenswerk ist vollbracht und wir dürfen ausruhen. Aber eines ist sicher: Das große Tor schließt sich stets „hinter“ uns. Wir sind mit drinnen in der Scheune, und unsere Ernte ist unsere eigene ewige Identität.    Dr. Elisabeth Lukas