Das Kirche bunt Team bei der Verabschiedung von Mag. Josef Wessely, dem langjährigen Chef vom Dienst, mit Bischof DDr. Klaus Küng, mit Generalvikar Prälat Mag. Eduard Gruber, dem neuen Herausgeber von Kirche bunt und mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfriednton Leichtfried

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„Die Christen sind stärker“

Foto: S. Planitzer

Prof. Hans Hollerweger ist einer der profiliertesten Kenner des orientalischen Christentums. Seit fast 30 Jahren setzt er sich für die Christen im Orient ein und gründete die Initiative Christlicher Orient (IOC). Prof. Hollerweger im Gespräch mit Kirche bunt.<--break->

Was war eigentlich der Anlass für Ihre Kontakte mit den Christen im Tur Abdin, einem urchristlichen Siedlungsgebiet im Südosten der Türkei?

Prof. Hollerweger:  Ich wurde Ende der 1980-er Jahre vom Österreichischen St. Georgskolleg in Istanbul eingeladen, mit seinen Lehrern die Osttürkei zu besuchen. Ein Zufall also, dass ich damals den Tur Abdin kennenlernte und fasziniert war von seinen alten Kirchen und Klös­tern. Die Kontakte blieben. Im Nachhinein denke ich oft an den Spruch von Anatole France: „Zufall ist vielleicht das Pseudonym Gottes, wenn er nicht unterschreiben will.“


Was 1989 so ausschlaggebend, dass Sie angefangen haben, den Christen dort zu helfen?

Prof. Hollerweger:  Bewegt hat mich damals die Aussage eines Bürgermeisters. Er sagte mir: Niemand kümmert sich um uns, niemand besucht uns, wir fühlen uns verlassen. Die Situation in Ostanatolien war so: Wer Geld hatte, ging weg. Und Interesse aus dem Westen an der prekären Situation der Christen vor Ort gab es nicht.


Sie haben damals gesagt: Wichtiger als Geld ist, dass wir den Christen im Orient zeigen, dass wir sie nicht vergessen und dass sie bleiben können. Ist dieses Motto heute noch gültig oder sogar gültiger?

Prof. Hollerweger:   Das ist heute genauso gültig wie damals! Die Christen wohnen am Wurzelboden des Christentums. Das ist ihre große Bedeutung. Das Christentum hat im Orient zwar eine große Vielfalt durch die verschiedenen Kulturen und Spaltungen, aber es ist dort entstanden. Von dort kam der christliche Glaube zu uns, von dort haben wir das Halleluja und das Hosanna, was wir heute so selbstverständlich singen. Das sind Reste des Urchristentums.


Es scheint, dass die Lage der Christen im Orient heute schlechter ist als je! Versagt auch der Westen?

Prof. Hollerweger:  Die Situation ist natürlich von Land zu Land verschieden. Aber grundsätzlich kann man schon sagen: Die Christen wohnen zwar im Nahen Osten, sie sind uns aber trotzdem fern. In anderen Ländern in Asien oder Afrika gehen Missionare hin, das geschieht im Orient nicht in diesem Ausmaß. Ein Beispiel sind auch die Wallfahrten ins Heilige Land – die gehen zum großen Teil zu den Wallfahrtsstätten, aber nicht zu den Christen. Es wäre aber wichtig zu signalisieren, dass wir die Christen im Orient nicht allein lassen und dass wir uns um sie kümmern. Das wäre wichtig – für die Christen und auch für die Politiker dort!


Hat sich Ihr Glaube durch Ihr langjähriges Engagement für die Christen im Orient verändert?

Prof. Hollerweger: Ich habe sehr viel gelernt im Orient. Einmal der lebendige Glaube der Chris­ten, vor allem auch der Jugend. Das haben wir im Gottesdienst erlebt, denn die Jugend singt vorne zum Volk und führt den Gottesdienst. Natürlich habe ich auch einige Christen kennengelernt, die als Märtyrer gestorben sind – darunter vier Bischöfe, ein Priester und im Tur Abdin drei Bürgermeister, mit denen ich oft die Lage in ihren Dörfern besprochen hatte. Das vergisst man nicht. Die Christen im Orient stehen zu ihrem Glauben in einer ihnen häufig feindlich gesinnten islamischen Umwelt. In Ländern, in denen der Sonntag nicht arbeitsfrei ist, versammeln sie sich unter großen Schwierigkeiten nach der Arbeit am Sonntagabend. Sie scheuen sich nicht, sich in der Öffentlichkeit zum christlichen Glauben zu bekennen. Ihr Mut und ihr eindeutiges Bekenntnis, ihr Zusammenhalt in überaus lebendigen Gemeinden haben mich beeindruckt und geprägt. Ich liebe sie und ich fühle mich von ihnen geliebt.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der Christen im Orient?

Prof. Hollerweger:  Ich bin an sich hoffnungsvoll. Bei mir kommt ein Aufgeben der Christen im Nahen Osten nicht in Frage. Aber sie brauchen dringend unsere Solidarität und Hilfe! Unvergesslich bleiben mir die Worte eines Zahnarztes, der nach der Karfreitagsfeier in Midyat zu mir sagte: „Die Kurden sagen: Die Christen sind stärker als wir.“ Wenn dies nicht so wäre, wären die Christen im Orient längst verschwunden. Diese Aussage gibt Hoffnung für den Orient – und auch für Europa!


Wir feiern derzeit den Advent. Wie wird er im Tur Abdin gefeiert?

Prof. Hollerweger:  Einen Advent in unserem Sinn kennen die dortigen Christen nicht. Aber die sechs Sonntage vor Weihnachten haben die Vorgeschichte der Geburt Jesu zum Inhalt; u. a. Johannes der Täufer, Verkündigung an Maria, Mariä Heimsuchung, Stammbaum Jesu. Adventkranz und Christbaum sind unbekannt, hin und wieder werden sie vom Westen importiert. Vor Weihnachten wird 10 Tage gefastet. Bei der nächtlichen Feier von Weihnachten wird während der Verkündigung des Evangeliums mitten in der Kirche ein kleines Hirtenfeuer angezündet, um das Hirten (einige Minis­tranten) lagern und den Lobgesang der Engel aufgreifen. Ein Höhepunkt im Erleben von Weihnachten!     Interview: Sonja Planitzer

 

Zur Person

Hans Hollerweger wurde am 13. Februar 1930 in St. Georgen im Attergau geboren. Er studierte in Linz Theologie und wurde 1954 zum Priester geweiht. 1972 habilitierte er sich für Liturgiewissenschaft. Ab 1967 lehrte er als Dozent und ab 1971 als Professor Sakramententheologie und Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Hochschule Linz. Maßgeblich war er am Aufbau der Hochschulbibliothek beteiligt, deren Direktor er ebenfalls war. Außerdem unterrichtete er an der Religionspädagogischen Akademie der Diözese Linz. 1989 begann Prof. Hollerweger die bedrängten Christen im Tur Abdin zu unterstützen, später hat sich sein Einsatz auf den gesamten Orient ausgeweitet. Er gründete im Jahr 2000 die Initiative Christlicher Orient (ICO) und leitete diese bis 2014. Infos zur ICO unter: https://ico-christlicherorient.jimdo.com.