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„Das Himmelreich ist nahe bei euch!“

Bis zum nächsten Advent kommen nun an Sonntagen und Herrenfesten mit wenigen Ausnahmen Perikopen aus dem Evangelium nach Matthäus (Lesejahr A) zum Tragen. Was ist das besondere theologische Profil dieses Evangeliums?

Matthäus ist ebenso ein Unbekannter wie die Verfasser der drei anderen kanonischen Evangelien. Augenzeugen des Lebens Jesu waren sie wohl allesamt nicht – zwischen dem Leben Jesu und dem ersten schriftlichen Evangelium liegen immerhin rund vier Jahrzehnte! Allein der Inhalt war wichtig, nicht der Autor. Erst im zweiten Jahrhundert wurden den Evangelien Namen zugeordnet. Die Verbindung zu Aposteln sollte die Autoriät dieser Schriften stärken. Dementsprechend wenig geht aus dem Matthäusevangelium über den Autor „Matthäus“ hervor.

Es ist offenkundig, dass das Matthäusevangelium für eine überwiegend judenchristliche Gemeinde verfasst wurde, die sich im Lauf der Zeit immer stärker vom Judentum abgrenzte und als „Kirche“ zu verstehen begann. Daraus erklärt sich wohl auch eine polemisch-verzerrende Kritik an den Pharisäern und Schriftgelehrten (z. B. Mt 5,20.23). Auffällig ist, dass der Begriff „ekklesía“ („Kirche“) nur in diesem Evangelium vorkommt. Sie ist die Gemeinschaft derer, die zum Heil gerufen sind. Vielleicht trug dieser „kirchliche“ Grundton dazu bei, dass diese Schrift bei der Bildung des neutestamentlichen Kanons im zweiten Jahrhundert an die erste Stelle der vier Evangelien gesetzt wurde. Der Verfasser des Matthäusevangeliums hat gegen Ende des ersten Jahrhunderts nicht nur das ihm bereits vorliegende Markusevangelium ergänzt, sondern auch bewusst eigene theologische Akzente gesetzt. Ein typisch matthäischer Begriff ist „Himmelreich“ (eine Umschreibung für die Königsherrschaft Gottes; so auch im Evangelium dieses Sonntags, Mt 4,17) im Gegensatz zu dem von Markus und Lukas zumeist verwendeten „Reich Gottes“. Schlägt man die neue Einheitsübersetzung der Bibel auf, so erweist sich diese gegenüber der bisherigen als passgenauer. So heißt es in Mt 4,12, dass Johannes der Täufer „ausgeliefert worden war“ (ein Ausdruck, der auch für den Leidensweg Jesu bedeutsam ist) und nicht bloß, dass man ihn „ins Gefängnis geworfen“ hat. In Mt 4,19 heißt es präziser: „Kommt her, mir nach!“, anstatt wie bisher: „… folgt mir nach!“

Erfüllte Zeit

Matthäus ist der Evangelist, der sich am stärksten auf das Alte Testament beruft. Vierzig Zitate und viele weitere Anspielungen finden sich in den 28 Kapiteln seines Evangeliums. Und zehnmal betont er ausdrücklich, dass sich mit dem Kommen Jesu die Schrift erfüllt hat. Dabei geht es nicht einfach darum, dass eine frühere Vorhersage nun eingetroffen ist, sondern grundlegend in Jesus ist die Fülle der Zeit gekommen. Das Neue hat das Alte abgelöst. Matthäus stellt das auf verschiedene Weise dar. Das Gerüst seines Evangeliums bilden fünf große Reden, die der Verfasser aus überlieferten Jesusworten zusammengestellt hat. Die Zahl Fünf steht für das Alte Testament, dessen Kern die fünf Bücher des Mose bilden. Auch ein Bezug zu den fünf „Festrollen“, die zu den jüdischen Hauptfesten gelesen werden (Hohelied, Rut, Klagelieder, Kohelet, Ester), ist damit gegeben. Analog dazu entfalten die fünf Reden Jesu für die Kirche die zentra­le Botschaft des Neuen Bundes.

Botschaft vom nahen Gott

Matthäus zeichnet ein erhabenes, fast feierliches Christusbild. Selbst im Leiden ist Jesus noch der „Pantokrator“. Über allem steht aber die Botschaft vom nahen Gott: Jesus ist der „Imma­nuel“, der „Gott mit uns“ (Mt 1,23), und das Evangelium schließt auch mit dem Sendungsauftrag und der Zusage: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Der letzte Abschnitt (Mt 26 – 28) gibt die Perspektive an, von der aus das ganze Matthäusevange-
lium zu lesen ist: Es ist österliche Botschaft vom Auferstandenen. Schlager

 

Fünf Reden Jesu nach Matthäus

Bergpredigt (Mt 5 – 7) – „Seligpreisungen“ als Kern der Lehre Jesu; Vaterunser (6,9-13).
Aussendungsrede (Mt 10) – das Evangelium wird zuerst den Juden verkündet, bevor es zu den Heiden und Samaritanern kommen kann.
Rede über das Himmelreich (Mt 13) – die „Königsherrschaft der Himmel“ bildet ein Herzstück der Verkündigung Jesu; das Himmelreich ist unscheinbar, das kleinste Samenkorn (Mt 13,32), und es ist doch schon gekommen in Jesus, der Macht hat, sogar Dämonen auszutreiben (Mt 13,28).
Rede über das Leben in der Gemeinde (Mt 18) – das Reich Gottes ist nicht auf Macht und Vorrangstellung aufgebaut, sondern auf das Dienen: eine notwendige Vertiefung des „Amtsverständnisses“ der Apostel, eine Unterweisung, wie die Kirche sein soll.
Rede über die Endzeit (Mt 24 – 25) – Jesus ruft auf zur Wachsamkeit; es ist ungewiss, zu welcher Stunde das Gottesreich kommt.