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Beste Seiten - Buch Wien

Für die „Besten Seiten“, dem Extrablatt der österreichischen Zeitungen und Magazine zur Buch Wien 2017, hat Kirche bunt-Redakteur Leopold Schlager das Buch von ORF-Russland-Korrespondentin Carola Schneider „Mein Russland“ unter die Lupe genommen.

KREML-KRIM[I]: Wem gehört Russland? Dem russischen Volk, einer Handvoll Oligarchen, einer Partei – oder gar nur einem einzigen zarengleichen Herrscher? Kann jemand, der erst wenige Jahre dort lebt, das überhaupt sagen: „Mein Russland“?

In einem knappen Dutzend Porträts gelingt der derzeitigen ORF-Korrespondentin in Moskau Carola Schneider tatsächlich eine ebenso einfühlsame wie distanziert-kritische Aneignung eines Landes, das vor einem Jahrhundert die Zarenherrschaft abgestreift hat und seither nur in einem kurzen Zeitraum ansatzweise demokratische Verhältnisse entwickelte, insbesondere was die Achtung von Menschenrechten, Pressefreiheit oder rechtsstaatlicher Ordnung betrifft.

Dass Themen wie diese gleich zu Beginn des Buches in der Begegnung mit der Ljudmila Alexejewa vorherrschen, verwundert nicht. Als sie anfing, sich für Menschenrechte einzusetzen, noch in der Sowjetzeit, waren dafür Straflager und Gefängnis an der Tagesordnung. Für mehr als ein Jahrzehnt ging Alexejewa ins Exil nach Amerika. Dann kamen die 1990-er Jahre. Damals, meint sie, „waren wir im Vergleich zu heute frei“. Ein gravierender Einschnitt war 2012. Seither gilt jede auch nur im entferntesten Sinne politisch tätige Organisation, die finanzielle Zuwendungen aus dem Ausland erhält, als „ausländischer Agent“. Ein schwerer Schlag auch für die Moskauer „Helsinki-Gruppe“, die die 90-jährige Menschenrechtsaktivistin Alexejewa leitet. Die alte Dame hat dennoch ihren Optimismus nicht aufgegeben, dass Russland eines Tages „ein freier, demokratischer Staat wird“, auch wenn sie es selbst nicht mehr erleben werde. Eine Hoffnung, die sie mit vielen teilt, die den Weg Russlands mit großer Besorgnis sehen, je länger sich Putins Macht entfaltet. Und sie alle wissen: Es braucht einen langen Atem.

Wer unbehelligt existieren will, muss eine Regel befolgen: „Alle sollen stillsitzen und nicht auffallen.“ Der Satz stammt aus einem Interview mit dem Krimtataren Abdureschit Dschepparow. Sein Sohn und sein Neffe wurden verschleppt, es gibt kein Lebenszeichen, und statt Aufklärung nur einschüchternde Verhöre durch die Polizei. Das ist nur einer aus einer ganzen Reihe von Vorfällen nach der Annexion der Krim im Frühjahr 2014. Tatarisch gilt auf der Krim jetzt als offizielle Sprache – und zugleich würden Schulen angewiesen, es nicht zu unterrichten.

Carola Schneider bringt in den Interviews, für die sie viele Gesprächspartener ein zweites Mal aufgesucht hat, aber auch das andere, gewissermaßen offizielle Gesicht Russlands zur Sprache. Da ist der Motorradfan und Fußballmanager Jewgenij Repenkow auf der Krim. Kein Wort der Kritik an Putin und an der Annexion. Einziger Wermutstropfen: Die Fußballmannschaften auf der Krim sind derzeit von allen überregionalen Ligen ausgeschlossen.

Nicht auffallen – das ist auch ein Grundton des russischen Bildungssystems. Echte Perspektiven gibt es für junge Menschen kaum. Und umgekehrt klagen engagierte junge Unternehmer darüber, dass es schwer ist, geeignete junge Mitarbeiter zu finden. Selbstständiges Denken werde schon den Kindern abgewöhnt. Langfristiges Planen sei auch deshalb schwer, „weil du nie weißt, was morgen passiert“, klagt Iwan Marjucha, der zusammen mit seiner Frau Julia ein Café aufgebaut hat, das vor allem durch Julias Torten berühmt ist.

Und immer wieder Putin. Er habe nach den chaotischen 1990-er Jahren für Ordnung gesorgt, den Leuten wieder Selbstbewusstsein gegeben, ist der junge Putin-Porpagandist Makar Wichljanzew überzeugt, aber auch er gesteht ein, dass Putin bis heute damit beschäftigt ist, „die Löcher zu stopfen“ und das Schiff Russland vor dem Sinken zu bewahren. Typisch für Leute seines Schlags ist aber auch die Frage: „Warum hat der Westen immer das Bedürfnis, uns Demokratie lehren zu wollen?“

Eine andere Überlebensstrategie ist Ironie. Von der hat der Künstler Wassilij Slonow mehr als genug. Auf die Wange einer Axt hat er Putins Konterfei gebannt – ein starker Hieb. Noch lässt man ihn walten.

Als wichtiger Player tritt immer wieder die russisch-orthodoxe Kirche in Erscheinung. Für manche ist sie der verlängerte Arm des politischen Systems. Das erfuhr die ORF-Korrespondentin, als sie zu einer – von der österreichischen Botschaft geförderten – Aufführung von Schnitzlers „Reigen“ ins sibirische Omsk reiste. Ein Schreiben eines russisch-orthodoxen Geistlichen ließ die Premiere des „unsittlichen“ Stücks platzen, nach heftigen Diskussionen wurde es mit mehrmonatiger Verzögerung doch noch aufgeführt.

Oft lesen sich die Reportagen wie das Drehbuch eines Agententhrillers. Es sind ebenso berührende wie beklemmende Skizzen aus einer Parallelwelt, von einer Gesellschaft auf der Suche nach Identität und einer Zukunftsperspektive, eingetrübt von den Schatten der Geschichte. Der Name der Regierungspartei „Einiges Russland“ verdichtet sich beim Leser zur Einsicht: „Einiges läuft schief in Russland.“ Kakanien könnte auch an der Wolga liegen.

 

Die ganze Beilage ist unter diesem Link abrufbar: http://voez.at/wp-content/uploads/2017/10/BESTE-SEITEN_2017.pdf