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„Amoris laetitia“ – Freude statt Vorschrift

Das junge Ehepaar Pia und Christian Eder hat sich mit dem päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ (Die Freude der Liebe) auseinandergesetzt. Im Gespräch mit „Kirche bunt“ erklären die beiden Theologen und Religionspädagogen, warum. Sie beschreiben, welche Aussagen des Papstes sie als besonders wichtig für die Pastoral und für ihr persönliches Leben einschätzen.

Habt ihr das gesamte Schreiben „Amoris laetitia“, immerhin über 200 Seiten lang, gelesen?

Christian Eder: Ja, das haben wir.
Pia Eder: Wir haben aber Schwerpunkte gesetzt und für unsere Vorträge einige Themen näher in den Blick genommen, andere nur gestreift.

Wie seid ihr dazu gekommen, euch mit diesem päpstlichen Schreiben auseinanderzusetzen?

Christian Eder: Ich habe noch in meiner Funktion als KJ-Mitarbeiter den synodalen Prozess mitverfolgt. Das war sehr spannend. Daran fasziniert hat mich, dass es der größte und breiteste Meinungsbildungsprozess innerhalb der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil war.
Pia Eder: Der Papst hat ja den Bischöfen aufgetragen, auch die Familien vor Ort zu befragen. Und man merkt, dass das Bild, das der Papst von Ehe und Familie entwirft, sehr nah an der Realität und breit gefächert ist. Für mich war auch für die Schule interessant, was sich an der Lehre der Kirche ändert. „Amoris laetitia“ liest sich gut und leicht, weil es sehr praxisbezogen geschrieben ist.

Welche Aussagen des Schreibens haben euch am meisten angesprochen?

Christian Eder: Unvermuteterweise waren es die Tipps für den Alltag, die der Papst den Paaren gibt: ein Kuss am Morgen, den anderen erwarten und besonders begrüßen, wenn einer nach Hause kommt, auf die Gesprächskultur achten. 
Pia Eder: Das sind eigentlich Tipps, die man von Ratgeber-Büchern erwartet und nicht unbedingt vom Papst. Mir gefällt am Schreiben auch besonders, welch buntes Bild er von Ehe und Familie zeichnet. Er beschreibt die Schönheit von Beziehung und die Fülle des Lebens, die dadurch möglich wird. Auch Sexualität beschreibt er als in sich gut und sinnvoll, nicht nur zur Zeugung von Kindern. Der Papst ermutigt zudem die Menschen, sich auf Ehe und Familie einzulassen und das Wagnis einzugehen. Er regt auch an, dass Paare auf dem Weg zur Ehe besser begleitet werden sollten – schon vor ihrem Beschluss zu heiraten.

Gibt es noch Aussagen, die für den Familienalltag von Bedeutung sein können?

Pia Eder: Ja, zum Beispiel dass alle Gefühle Platz haben dürfen. Es gibt ja die Vorstellung: Ein braver Christ ist immer glücklich, lieb zu allen und fröhlich. Es ist aber nicht sinnvoll, Gefühle zu unterdrücken. Trotzdem soll etwa die Wut nicht zerstörerisch werden.
Christian Eder: Der Papst schätzt, was Paare und Familien leisten, und er beschreibt sehr schön die Freude, aber auch die Unvollkommenheit der menschlichen Liebe. Er betont, wie wichtig die Barmherzigkeit mit dem Partner ist, und wie wichtig es ist, sich nach einem Streit wieder zu versöhnen.

Welche Auswirkungen kann das Schreiben auf die kirchliche Pastoral haben?

Christian Eder: Das Bild von Kirche, das dem Papst vorschwebt: eine Kirche, die Menschen eingliedert und nicht ausschließt, verändert pastorales Denken und Handeln. Einmal bezeichnet er die Kirche sogar als Feldlazarett, in dem Sinne, dass sie sich den Nöten und Sorgen der heutigen Zeit aussetzt und für die „Verwundeten“ da ist.
Pia Eder: Die Kirche soll schon ein Licht für die Welt sein und Ideale vorleben. Gleichzeitig soll sie sich nicht zum Richter aufschwingen, sondern sich liebevoll um die Menschen sorgen, die gescheitert sind. Er weist auch darauf hin, dass die Priesterausbildung sich dahingehend ausrichten sollte, nicht zu pauschalieren, sondern die konkrete Realität von Ehen und Familien zu erfassen und ernst zu nehmen.
Christian Eder: Die Freude steht bei dem Schreiben im Vordergrung, wie auch der Titel schon sagt, und nicht Vorschriften und Verbote.
Pia Eder: Der Papst will auch Mut machen, eine Bindung wie die Ehe einzugehen – gerade in unserer Zeit der Schnelllebigkeit und Unverbindlichkeit. Er betont, welche Fülle des Lebens aus Treue und Verbindlichkeit entsteht. Wahre Liebe kann nicht auf Zeit begrenzt sein. 

Besonders im Fokus der Aufmerksamkeit standen  ja Aussagen zu wiederverheirateten Geschiedenen und homosexuellen Paaren.

Christian Eder: Diese leben zwar nicht mehr bzw. nie das Ideal von christlicher Ehe, sie sollen aber durch gute Begleitung in der Fülle der Liebe wachsen und ihren Platz in der Gemeinde finden. Was die konkrete Vorgehensweise in der Pastoral betrifft, gibt der Papst Verantwortung an die Bischöfe und Priester vor Ort ab. Er gibt keine Patent­rezepte, sondern legt ihnen das Prinzip nahe: (wieder-)eingliedern statt ausgrenzen! Der Papst misst auch dem Gewissen der betroffenen Personen einen hohen Stellenwert zu.
Pia Eder: Wir sehen diese Aussagen auch als Appell an alle Gläubigen, nicht eigenmächtig über andere zu richten, schlecht über sie zu sprechen oder sie auszugrenzen.

Ihr habt relativ jung geheiratet. Welche Argumente bringt der Papst für die Ehe?

Pia Eder: Ein Aspekt für junge Leute ist jener, dass sie auch einmal das elterliche Nest verlassen und Verantwortung übernehmen sollen: für sich, aber auch für den Partner, für Kirche und Welt und für mögliche Kinder. Durch diesen Schritt kann vieles erwachsen. Geborgenheit und Sicherheit zum Beispiel. Ich übernehme für einen anderen Menschen Verantwortung, aber dieser ja auch für mich. Das gibt Kraft. Die Qualität einer Beziehung ändert sich durch die Verbindlichkeit der Ehe, zum Beispiel beim Überstehen von Krisen. Ich sehe hier auch viel Bedarf an Begleitung von Paaren. Viele haben ja Angst sich zu binden, vielleicht aus Angst vor dem Scheitern. Aber Ehe ist auch ein Wagnis! Man kann sich nicht gegen alles absichern.
Christian Eder: Für uns ist einfach auch die Freude an der Liebe wichtig! Wir sehen sie als großes Geschenk und finden uns damit in diesem Schreiben sehr gut wieder.

Habt ihr für eure persönliche Beziehung etwas mitnehmen können?

Pia Eder: Die eigene Beziehung aus einem größeren Blickwinkel zu sehen, als Zeichen der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, das ist schon erhebend und bereichernd. Das hilft, noch „mehr Genuss an den Dingen zu finden“, wie der Papst schreibt.
Christian Eder: Für unsere Beziehung ist der Aspekt des „Fruchtbar-Werdens für andere“ sehr wichtig. Schon bei unserem Kennenlernen haben wir uns darüber ausgetauscht, welche Sehnsüchte wir für unser Leben haben. Dabei wurde klar, dass wir beide den Wunsch haben, in Kirche und Gesellschaft etwas zu bewegen und uns einzubringen. Als Familie können wir „Sauerteig der Gesellschaft“ sein, wie der Papst schreibt. 
Pia Eder: Beziehung lebt auch davon, sich von außen befruchten und bereichern zu lassen. Jeder lebt auch ein eigenes Leben, und es ist schön, diese Erfahrungen mitzuteilen und zu teilen. Wir haben gar nicht gedacht, dass Ehe so schön sein kann. Man hört ja immer wieder eine eher negative Sichtweise: Ehe schränkt ein, der Partner wird uninteressant mit der Zeit. Wir erleben aber, dass Ehe mehr Freude und Freiheit schenkt. Ich weiß, wo ich hingehöre, und fühle mich auch gefördert in dem, was ich machen möchte. Gleichzeitig ist diese Freude nicht etwas, das man hat, sondern worin man wächst. Patricia Harant-Schagerl

 

Vortrag und Schreiben

Wer mehr erfahren will zu diesem Thema, kann über das Katholische Bildungswerk (Tel. 02742/324-2352) auch einen Vortrag von Mag. Pia und MMag. Christian Eder anfordern. Der nächste Vortrag „Die Schönheit der Liebe in Ehe und Familie“ findet im Pfarrheim St. Pölten-Spratzern am 23. März um 19.30 Uhr statt.

Das Schreiben „Amoris laetitia“ ist in verschiedenen Ausführungen beim Behelfsdienst der Diözese (Tel. 02742/324-3315) erhältlich, z. B. in einer Ausgabe der Deutschen Bischofskonferenz zum Preis von 2 Euro oder einer Ausgabe des Verlags Herder (Bild re.) mit einer Hinführung von Kardinal Christoph Schönborn zum Preis von 20,60 Euro. Download unter www.erzdioezese-wien.at.

„Amoris laetitia“

Das Schreiben „Amoris laetitia“ (Die Freude der Liebe) hat Papst Franziskus am 8. April 2016 veröffentlicht. Es beruht auf den Beratungen der beiden Bischofssy­no­den in Rom zu den Themen Ehe und Familie. Im Vorfeld waren die Gläubigen in aller Welt in Form von Fragebögen ange­hört worden. Die Summe der Antworten floss in den Text ein, der eine Art Fazit des Papstes darstellt. Papst Franziskus würdigt darin die Leis­tungen der Familien und will die Freude an Ehe und Familie stärken.

 

Patron der Liebenden

Am 14. Februar gedenkt die Kirche des heiligen Valentin von Terni. Er soll um das Jahr 268 als Märtyrer gestorben sein. Wie kommt es, dass man einander Blumen zum Gedenktag dieses Heiligen schenkt?
Valentin war nach der Legende im dritten Jahrhundert Priester und Bischof von Interamna, dem heutigen Terni in Mittelitalien. Der Überlieferung nach beschenkte Valentin Liebespaare mit Blumen aus seinem bischöflichen Garten und verheiratete sie nach christlichem Ritus. Kaiser Gallienus (260-268) war den Christen gegenüber tolerant. Das änderte sich schlagartig nach dessen Ermordung unter dem neuen Kaiser Claudius II. Gothicus (268-270). Vor allem benötigte der Kaiser Truppen für die zahlreichen Feldzüge in den immer neu einsetzenden Konflikten an den Grenzen des Reiches. Deshalb veranlasste der Kaiser die Auflösung sämtlicher Ehen und Hochzeitsgelöbnisse, um die jungen Männer rekrutieren zu können. Valentin widersetzte sich der kaiserlichen Anordnung, weshalb er verhaftet wurde.

In der Überlieferung sind Valentin von Terni und Valentin von Rom nicht auseinanderzuhalten. Wahrscheinlich handelt es sich um ein und dieselbe Person. Der „römische“ Valentin soll den verkrüppelten Sohn des Rhetors Craton geheilt haben, woraufhin sich zahlreiche Menschen zum christlichen Glauben bekehrten. Weil er sich weigerte, den römischen Göttern zu opfern, wurde er beim 63. Meilenstein der Via Flaminia (bei Terni, rund 100 km nördlich von Rom) enthauptet. Papst Julius I. ließ in Rom um die Mitte des 4. Jahrhunderts eine Valentinsbasilika errichten. Mit dem Valentinsfest sollte wohl auch ein altes römisches Hirtenfest zu Ehren des Gottes Faun am 15. Feb­ruar mit einer neuen christlichen Sinngebung überlagert werden.

Der Brauch, den 14. Februar als Tag der Liebenden zu begehen und einander Blumen zu schenken, wurde in Mitteleuropa erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch amerikanische Besatzungssoldaten populär.
Nicht mit dem „Blumenheiligen“ zu verwechseln ist Valentin von Rätien (Gedenktag am 7. Jänner), der rund zwei Jahrhunderte später lebte. Er war einer der ersten Bischöfe von Passau und starb um 475 in Meran. Schl