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100 Jahre Seelsorge für Gehörlose

Foto: Gehörlosenseelsorge

Vor 100 Jahren – am 7. Jänner 1917 – wurde in Wien der erste Erwachsenengottesdienst für gehörlose Menschen in Österreich gefeiert. Die Feier gilt als Geburtsstunde der Gehörlosenseelsorge in ganz Österreich.

Vor 100 Jahren – am 7. Jänner 1917 – wurde auf Initiative des Seel­sorgers Johann Cermann in der Andreaskapelle des Wiener Erzbischöflichen Palais im Beisein von Kardinal Friedrich Gustav Piffl der ers­te Erwachsenengottesdienst für ge­hör­lose Menschen in Österreich gefeiert. Das war der Beginn der Gehörlosenseelsorge in der Erzdiözese Wien und in ganz Österreich. Mit einem Festgottesdienst unter der Leitung von Altbischof Paul Iby, Vorsitzender der österreichischen Arbeitsgemeinschaft der Gehörlosenseelsorger, wurde diesem Jubiläum am 28. Jänner in der Deutsch­ordenskirche in Wien gedacht. Zur Feier war auch eine große Abordnung von Gehörlosen aus der Diözese St. Pölten mit den Gehörlosenseelsorgern Pfarrer Mag. Friedrich Mikesch und Pfarrer Mag. Gerhard Gruber angereist.

Eng mit der Geschichte der Gehörlosenseelsorge in Österreich verbunden ist ein Mann namens Charles-Michel de l’Epee. Er lebte vor ca. 200 Jahren in Paris und gründete die weltweit erste Schule für taube Kinder. L’Eppe unterrichtete in einfacher Gebärde und erfand das Fingeralphabet. Josef II. lernte auf einer Reise nach Paris die Unterrichtsmethode des Priesters kennen. Überzeugt und beeindruckt vom Erfolg mit den Taubstummen beauftragte er den in Paris als Lehrer tätigen Österreicher Joseph May und den Weltpriester Friedrich Strock sich mit der Unterrichtsmethode vertraut zumachen. Im Frühjahr 1779 wurde durch ein Dekret der Kaiserin Maria Theresia die erste Taubstummenschule in Wien errichtet. Von Anfang an waren Religionslehrer – meist Priester – zusätzlich zum Religionsunterricht bemüht, Jugendliche und Erwachsene zu betreuen. Ihr Ziel war eine Seelsorge für die Erwachsenen aufzubauen. Das geschah mit jenem erwähnten Gottesdienst am 7.  Jänner 1917.

Man begann die Gehörlosen in einer Kartei zu erfassen – auch über die Grenzen von Wien hinaus. Bis zum Jahr 1939 gab es ein katholisches Vereinsleben für gehörlose Menschen. Dieses wurde von den Nationalsozialis­ten sofort aufgelöst. Gehörlose wurden deportiert und vielfach als lebens­unwertes Leben getötet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Seelsorge wieder neu aufgebaut – zunächst in Wien, später schrittweise in den Diözesen in ganz Österreich – eine wesentliche Rolle spielte dabei Dr. Maria Schwendenwein, die seit über 50 Jahren in der Gehörlosenseelsorge der Erzdiözese Wien engagiert ist und auch die Gehörlosenseelsorge Österreichs mitgeprägt hat.

Gehörlosenseelsorge im Most- und im Waldviertel

1965 wurde die Gehörlosenseel­sorge in der Diözese St. Pölten gegründet. Viele Jahre prägte diese Pfarrer Hermann Hirner.  Heute ist die Gehörlosenseelsorge in der Diözese St. Pölten ein Teil der Behindertenpastoral, die zur Kategorialen Seelsorge gehört und deren Bischofsvikar bis zu seinem Tod Prälat Mag. Franz Schrittwieser war.
Betreut wird die Gehörlosenseel­sorge im Mostviertel seit 1987 von KR Mag. Gerhard Gruber, einst Kaplan bei Pfarrer Hirner und heute Pfarrer vom Pfarrverband Ardagger Markt und Stift–Kollmitzberg–Stephanshart. Im Waldviertel hat Mag. Friedrich Mikesch, Pfarrer von Schwarzenau und Großhaselbach, die Gehörlosenseel­sorge übernommen. Beide Pfarrer haben Kurse in der Gebärdensprache absolviert und beherrschen so zumindest Grundkenntnisse dieser Sprache. Sie feiern regelmässig Gottesdienste (siehe Infobox) für gehörlose Gläubige, stehen ihnen bei Tauffeiern, bei der Sakramentenvorbereitung oder der Organisation und Durchführung von Eheseminaren bei.
Pfarrer Gruber und Pfarrer Mikesch sind sich einig, dass nach dem Gottesdienst auch das gesellige Beisammensein wichtig ist. Gehörlose suchen und brauchen die Gemeinschaft untereinander. Diese Zusammenkünfte dienen auch für Besprechung individueller Probleme – gleichsam als Ersatz für Sprechstunden.

 

Einzigartig in Österreich: Gehörlosenkapelle Loimanns

Sie ist einzigartig in Österreich – die Gehörlosenkapelle in der Ortsgemeinde Loimanns, Pfarre Litschau. 2017 wird das 40-jährige Bestehen der Kapelle gefeiert.

Der Anlass zur Errichtung der Kapelle kam von der Spenderin Hermine Reitter, die gehörlose Menschen in ihrer Familie hat. Helmuth Schwingenschlögl, aktiver Mitarbeiter der Pfarre Litschau und Vater von zwei gehörlosen Kindern, nahm sich des Impulses an und setzte ihn mit viel Engagement in die Tat um. Die Pfarre, die Stadtgemeinde und die Ortsbevölkerung haben damals fleißig mitgeholfen, dass dieses Projekt gelingen konnte.

Prof. Wilhelm Jaruska verfasste die Pläne, die von der örtlichen Baufirma Riedl ausgeführt wurden. Die Kapelle ist ein Rundbau im Ausmaß von acht mal sechs Meter, farbige Glasfenster zieren das Gotteshaus und der hohe Glockenturm ist weithin in der Waldviertler Landschaft sichtbar. Der Waldviertler Schnitzer Rupert Beninger fertigte drei Statuen an: Herz Jesu, Gottesmutter Maria und Franz von Sales, der Schutzpatron der Gehörlosen ist. Das Symbol der „Wundertätigen Medaille“ sowie der Volksaltar wurden von Wagnermeister Viertelmayer gefertigt. Die Eingangstür gestaltete Tischlermeister Herbert Schalko.

Am 15. August 1979 wurde die Gehörlosenkapelle im Beisein einer großen Anzahl von Gehörlosen aus ganz Österreich, im Rahmen eines Festaktes feierlich eingeweiht. Bei der Festmesse, die vom damaligen Pfarrer in Litschau, Norbert Burmettler, dem Gehörlosenseelsorger Hermann Hirner und dem pensionierten Dechant Anton Kranner zelebriert wurde, wurde auch die Glocke gesegnet, die von Karl Kainz gespendet worden war und die Inschrift „Zur Ehre Gottes und des Hl. Franz v. Sales“ trägt.

Seit damals finden Gottesdienste in der Loimannser Kapelle statt, die von der Bevölkerung gerne mitgefeiert werden. Und einmal jährlich – nämlich jeweils am 15. August – gibt es eine Wallfahrt der Gehörlosenseelsorge zur Kapelle.

 

Leben in der Stille

Was heißt es, gehörlos zu sein? Aus medizinischer Sicht gilt man als gehörlos, wenn eine Hörschädigung von mehr als 90 Dezibel vorliegt. Hier kann auch mit einem Hörgerät die Lautsprache nicht mehr verstanden werden, deshalb können Gehörlose die gesprochene Sprache auch nicht einfach über das Ohr erlernen. Insbesondere für Menschen, die gehörlos geboren wurden oder die vor dem Erwerb der Sprache gehörlos wurden, hat das weitreichende Folgen.

Die Gebärdensprache ist seit 2005 der deutschen Lautsprache rechtlich gleichgestellt. Dennoch werden auch heute noch die meisten gehörlosen Kinder in den Gehörlosenschule in ers­ter Linie in der gesprochenen Sprache unterrichtet wird. Durch diese Methode rückt die Wissensvermittlung in den Hintergrund, sodass die Kinder nach Abschluss der Pflichtschule sich zwar lautsprachlich verständigen können, aber nicht über altersgemäße Schriftsprachkompetenz verfügen. Das hat zur Folge, dass unter den Maturanten oder Studienabgängern wenige Gehörlose zu finden sind.

Gehörlosenverbände und -vereine: Der Gehörlosenverband NÖ steht gehörlosen Menschen helfend und unterstützend zur Seite (Tel. 02742/21990, E-Mail: ). Zudem gibt es Gehörlosenvereine in St. Pölten (Tel. 02742  75557, E-Mail: ) und im Waldviertel (Vereinshaus: Waldviertler Gehörlosenverein, Mühlfeld 55, 3580  Horn, E-Mail: ).

Gehörlosen-Messen: Regelmässig laden Pfarrer Mag. Gerhard Gruber im Mostviertel und Pfarrer Mag. Friedrich Mikesch im Waldviertel zu Gottesdiensten für Gehörlose ein. So wird die nächs­te Gehörlosen-Messe im Mostviertel am 26. März bei den Schulschwestern in Amstetten und im Waldviertel am 18. März in der Kapelle Mühlfeld bei Horn gefeiert. Die Gottesdienste werden jeweils frühzeitig in Kirche bunt angekündigt.

Bibel für Gehörlose: Im Vorjahr wurde die vergriffene Bibel „Gotteswort” neu aufgelegt und mit vielen Bildern belebt. Die Bibel ist in einfacher Sprache gehalten und kann u. a. über die Gehörlosenseelsorge bestellt werden.