Sich bewähren macht stark

Teenager gelten im allgemeinen als eher schwierig und von der Pubertät erhofft man sich, dass sie bald wieder vorbei geht. Aber ist das nicht zu kurz gegriffen? In den Jugendlichen steckt doch auch ungemein viel Potential …

Wenn aus dem lieben und meist gutgelaunten Kind ein immer öfter missmutiger und widerspenstiger Teenager wird, dann weiß man: Sie ist da, die Pubertät. Der sich körperlich und psychisch vollziehende Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben beschwört nicht selten stürmische Zeiten herauf. Kein Wunder, denn in relativ kurzer Zeit soll nun aus dem von der Versorgung durch die Eltern abhängigen Kind ein lebenstüchtiger und selbständiger Erwachsener werden.
Doch die Pubertät ist nicht nur eine problematische und schwierige Phase, sondern sie bringt auch neue und erstaunliche Fähigkeiten im Kind zum Vorschein. „Tat­säch­lich entwickeln sich in der Jugendzeit unglaubliche Kompetenzen und ganz neue Motivationen“, schreibt  der Kinderarzt Herbert Renz-Polster in seinem Buch „Menschenkinder“ (siehe Buch-Tipp). Als Beispiel nennt er das Innovationspotenzial der Jugend. Niemand kann eine neue Technik schneller beherrschen als Jugendliche, niemand ist schneller in der Auffassungsgabe und kreativer im Finden neuer Möglichkeiten. Das Internet beispielsweise wurde nicht von den weisen Alten erfunden.
Jugendliche knüpfen gerne und schnell Freundschaften – nicht nur, aber auch über Facebook. Sie pflegen sehr viele über die Familie hinausgehende Außenkontakte, und das ist absolut sinnvoll: Die Zukunft des Jugendlichen liegt nun einmal weitgehend außerhalb der Herkunftsfamilie, bei den in etwa Gleichaltrigen. Unter diesen wird er seinen Lebenspartner finden und hier möchte er Erfolg haben.
Die Welt, in der er leben wird, wird eine andere sein als die seiner Eltern. Da macht es durchaus Sinn, sich nicht (nur) an die Ratschläge der Eltern zu halten und ihre Lebens-Strategien anzuwenden, sondern selbst neue zu suchen. „Es wäre nicht sinnvoll, wenn Kinder Kopien ihrer Eltern sein wollten“, meint Renz-Polster.
Der Übergang ins Erwachsenenleben und das Gewinnen von neuem Terrain wird erleichtert durch die ungeheure Neugierde und Begeisterungsfähigkeit der Jugend. Es zieht sie hinaus in die Welt auf neuen, nicht immer sicheren Wegen.
Auch der Körper des Jugendlichen ist zu Höchstleistungen bereit, erklärt der Kinderarzt. Das Immunsystem sei auf dem Gipfel angelangt, „nie wieder im Leben heilen Verletzungen so schnell aus“. Nie wieder wird die Belastbarkeit größer sein: Hitze, Hunger, Schlafmangel werden von Jugendlichen besser vertragen als von Erwachsenen. „Dieses Völkchen ist bereit. Es scharrt mit den Hufen“, sagt Renz-Polster.
All diese neuen Kompetenzen sind nicht dazu da, die Eltern zu ärgern, sondern damit der Jugendliche einmal auf seinem Lebensweg bestehen kann. Die Frage ist, ob Jugendliche heute auch die Gelegenheit bekommen, ihr Potential auszuschöpfen und auszuleben. Denn anstatt sich im Leben zu bewähren, finden sie sich sehr oft in der Rolle wieder, den Erwachsenen zuzuhören, sich belehren zu lassen – und sich zu langweilen. Sie sitzen sozusagen im Warteraum des Lebens anstatt mitten im Leben zu stehen. Und anstelle der echten Bewährung treten Ersatzhandlungen wie Computerspiele.
Jugendliche hingegen, die ihre Fähigkeiten in der „Erwachsenenwelt“ ausprobieren und ausleben, finden leichter ihren Platz und entwickeln eine gesunde Ausgeglichenheit und Selbstvertrauen. Patricia Harant

Buchtipp   
Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg.
Herbert Renz-Polster: Menschenkinder, Plädoyer für eine artgerechte Erziehung. Verlag Kösel, 192 Seiten, Preis ca. 18,50 Euro