Sankt Martin – ein Heiliger von europäischem Format

Martinuswege verbinden quer durch Europa den Geburtsort des heiligen Martin in Westungarn mit seiner Wirkungsstätte als Bischof im französischen Tours. Ein neuer Martinusweg führt nun auch durch die Diözese St. Pölten – eine von zahlreichen Initiativen im Gedenkjahr an die Geburt des Heiligen vor 1700 Jahren.

Es war der letzte heiße Spätsommertag. Eine Pilgergruppe mit Bischof Klaus Küng und dem Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky pilgerte durch die Weingärten zur Bürgerspitalkirche in Krems. Dort wurde die
St. Pöltner Etappe des „Martinuswegs“ eröffnet. Es ist ein neuer Pilgerweg von Szombathely in Ungarn nach Tours in Frankreich. 2.750 Kilometer führen nun vom Geburtsort des heiligen Martin bis zu seiner Grabstätte.
„Der heilige Martin ist eine faszinierende Gestalt“, unterstrich Bischof Küng bei der Eröffnung der St. Pöltner Wegstrecke. Martin wurde um 316 in Sabaria im einstigen Pannonien und heutigen Szombathely in Ungarn geboren. Als Jugendlicher folgte er seinem Vater, einem römischen Tribun, in dessen Heimatstadt Pavia. Dort kam er mit dem Christentum in Berührung und war unter den Katechumenen (Taufbewerbern). Auf Wunsch des Vaters trat er in den Militärdienst ein und wurde nach Gallien geschickt. Dort soll sich die bekannte Geschichte mit dem Mantel ereignet haben:
Martin begegnet als Soldat am Stadttor von Amiens einem frierenden Bettler und schenkt ihm die Hälfte seines Mantels. In der folgenden Nacht erscheint ihm im Traum Christus, bekleidet mit dem Mantelstück, das er dem Bettler gegeben hatte.
Dies bewirkte in Martin ein grundlegendes Umdenken. Er bat um die Entlassung aus dem Militärdienst, um „Soldat Christi“ zu werden, und ließ sich taufen. Die Entlassung wurde ihm erst später, 354, gewährt. Martin zog sich als Einsiedler auf die Insel Gallinnara bei Genua zurück, reiste dann nach Pannonien zu seiner Mutter und taufte sie. Nach Gallien zurückgekehrt, gründete er die Klöster Liguge und Marmoutier.

Sankt Martin im Brauchtum


371 wurde Martin auf Drängen des Volkes zum Bischof von Tours gewählt – ganz gegen seinen Willen. Die Legende erzählt, er habe sich in einem Stall versteckt. Durch das Schnattern der Gänse sei er jedoch entdeckt worden. Auf diese Erzählung bezieht sich der volkstümliche und weit verbreitete Brauch um das „Martinigansl“.
Als Bischof war Martin sehr rege. Er gründete Pfarren und wanderte viel durch sein Bistum. Auf einer dieser Reisen starb er in Candes. Sein Leichnam wurde am 11. November 397 nach Tours überführt. Daraus entwickelte sich das „Laternenfest“, das heute vielerorts in Kindergärten begangen wird.

Ein Pilgerweg für unsere Zeit
„Ein Pilgerweg verbindet Menschen. Dies ist ein europäischer Weg mit einem europäischen Heiligen“, sagte Weihbischof Turnovszky. Der neue Pilgerweg trifft bei Deutschkreutz
auf österreichischen Boden, verläuft durch die Diözese Eisenstadt, wo Martin Diözeanpatron ist. Von Gramatneusiedl führt der „Martinusweg“ dann nach Wien und über den Weinviertler Jakobsweg nach Krems.
In Mautern mündet er in den Jakobsweg, der über Maria Langegg nach Melk geht, dann über Maria Taferl, Marbach und St. Martin am Ybbsfeld nach Enns. In Oberösterreich führt der Weg auf dem Donausteig bis Passau weiter, wo er österreichischen Boden verlässt.
Schüler des musischen Internates Martinihaus in Rottenburg schenkten 2011 ihrem Bischof zum Geburtstag einen Pilgerweg, der die Martinskirchen des Bistums verbindet. Bischof Gebhard Fürst griff diese Idee auf. Es bildete sich die Martinusgemeinschaft, die diesen Pilgerweg weiter entwickelte.
Die Diözese mit über 80 Martins­kirchen ist diesem Heiligen besonders verbunden, weist der ehemalige Stuttgarter Generalvikar Prälat Werner Redies hin. Er selbst reiste von Diözese zu Diözese, um für den neuen Pilgerweg zu werben. Jede sollte ein Teilstück gestalten.
In St. Pölten hat das der Pilgerarbeitskreis der Pastoralen Dienste übernommen. Er hat den Martinusweg auf die bereits vorhandene und gut markierte Wegstrecke des Jakobswegs gelegt, wie Projektleiter Hermann Kremslehner bestätigt. Auf diesem Weg liegen auch zwei der über 20 Martinskirchen der Diözese St. Pölten, Marbach und St. Martin am Ybbsfeld.

Der Kopf wird frei…

„Dieser Weg ist vor allem von den Kirchen initiiert und wird auch von diesen mitgetragen“, erklärt das Pilgerbegleiter-Ehepaar Marianne und Dr. Stefan Kimeswenger. Es sei vor allem die Verlangsamung der Zeit, die heute von vielen gesucht werde. Dieser neue Weg habe vom Inhalt her viel mit den Problemen der Gegenwart zu tun und sei eine Herausforderung im Umgang miteinander – vor allem auch mit Flüchtlingen.
Fast ins Schwärmen gerät die Pilgerbegleiterin und Mitarbeiterin im diözesanen Pilger-Arbeitskreis Angela Wippel: „Viele Menschen erleben am Pilgerweg, wie ihr Kopf frei wird und sie plötzlich Kleinigkeiten in der Natur entdecken, die ihnen in der Hast des Alltags verborgen bleiben.“ Sie fügt hinzu: „Die Tage, an denen ich als Pilgerin unterwegs war, zählen zu den schönsten meines Lebens. Es ist einfach ein ganz anderer Tag, der sich weit über den Alltag hinaushebt!“ Hans Pflügl