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„O Herr, wenn du kommst“

„Kirche bunt“ stellt monatlich ein Lied aus dem neuen GOTTESLOB vor. Zum Ende des Kirchenjahres schreibt Thomas Heiland, Pastoralassistent und Kirchenmusiker in Amstetten, über GL 233: „O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu…“.<--break->

O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu, denn heute schon baust du dein Reich unter uns…“ ist für mich ein Lied am Übergang: am Übergang vom Alten zum Neuen, vom Ende zum Beginn eines neuen Kirchenjahres, von Christkönig hin zu Advent und Weih­nachten.

Es spricht einerseits vom endzeitlich-königlichen Kommen, das wir am Hochfest Christkönig feiern. Christus ist König und will gegen alle zerstörerischen Kräfte sein Reich der Liebe und Gerechtigkeit aufbauen. Im Evangelium dieses Festtages aus der lukanischen Passionsgeschichte hören wir heuer den Abschnitt, wie ein Schächer den anderen zurechtweist und Jesus danach bittet, dass er an ihn denken soll, wenn er in seiner Macht als König kommt. Jesus gibt ihm die tröstliche Antwort: „Amen, ich sage dir. Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).

Andererseits bereiten wir uns im Advent auf Weihnachten vor: Gott kommt in diese Welt in einem kleinen Kind im Stall von Betlehem. Die zweite Lesung des ersten Adventsonntags aus dem Römerbrief stellt uns eindringlich vor Augen, dass die Stunde gekommen ist, vom Schlaf aufzustehen, denn jetzt ist uns das Heil näher als zu der Zeit, als wir gläubig wurden (vgl. Röm 13,11).
Text und Musik dieses Liedes stammen von der deutschen Liedermacherin Helga Esther Poppe, die 1942 in Leipzig geboren wurde und in ihrem sechsten Lebensjahr nach Westdeutschland kam. „O Herr, wenn du kommst …“ ist kurz vor Advent 1975 entstanden. Über die Jahre hat sie rund 250 Lieder verfasst, die ihr nach eigenen Angaben „einfach so“ einfallen, und zwar Text und Musik gleichzeitig; das bekannteste ist wohl das Lied: „Du bist das Licht der Welt…“

Immer wieder klingen in Helga Poppes Liedern konkrete biblische Texte an; so in der zweiten Strophe das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25). Der Evangelist Matthäus ist auch der biblische Wegbegleiter durch das neue Kirchenjahr, das am ersten Adventsonntag beginnt. Gleichzeitig hebt sie ihre Strophentexte aus der Konkretheit der Situation heraus und weitet den Blick auf größere Dimensionen. Wenn der Herr kommt, dann wird die Welt wieder neu; da ist die ganze Welt gemeint.
Außerdem wird Gottes Reich nicht erst irgendwann konkret und wirklich, sondern schon heute (1. Strophe). Das Dilemma der törichten Jungfrauen war ja nicht, dass sie nicht bereit gewesen wären, sondern nur nicht jetzt. Die ganze Spannung der neutestamentlichen Reich-Got­tes-Botschaft, einer Spannung zwischen „schon“ und „noch nicht“, liegt darin, dass es um keine billige Vertröstung auf das Jenseits geht, sondern immer um den gegenwärtigen Zeitpunkt, um das Heute, um das Jetzt.

Kommen des Herrn und Erwartung des Herrn

Ist es zu Beginn des Liedes das Kommen des Herrn, von dem in allen vier Strophen die Rede ist, markiert der Schluss das Warten: „O Herr, wir warten auf dich“! Dieses Warten des Menschen (auf Gott) scheint so eindringlich zu sein, dass die Textzeile wiederholt wird. Unterstrichen wird diese Eindringlichkeit dann auch noch durch den musikalischen Umstand, dass das Ende des Liedes ausschnitthaft in Dur-Tonleiter steht, wie Meinrad Walter feststellt, leicht erkennbar an den Kreuz-Vorzeichen, und nicht wie der Beginn in Moll. Die Dur-Tonleiter rückt die Textpassage in ein anderes, neues Licht.
Diese Textzeile könnte auch als kleine Zusammenfassung des gesamten christlichen Glaubens gelesen werden: O Herr, wir warten auf dich!
Das Lied zum Hören und Mitsingen: https://youtu.be/f8fj3VOwCcI