„Es war in Syrien nie schlimmer“

Der syrische Franziskanerpater Ibrahim Alsabagh schildert bei einem Besuch bei „Kirche bunt“ die verzweifelte Lage der verbliebenen Christen in Aleppo.

Ein dichtes Programm galt es für Pater Ibrahim Alsabagh bei seinem Österreichbesuch zu absolvieren – darunter so mancher Besuch in einer Redaktion des Landes, so auch bei Kirche bunt. Immerhin hatte der Franziskanerpater, der seit über zwei Jahren in der heiß umkämpften syrischen Stadt Aleppo lebt und gemeinsam mit fünf Mitbrüdern in der römisch-katholischen Pfarrei tätig ist, wichtige Botschaften im Gepäck. Seine größte Bitte an die Kirche bunt-Leser: „Bitte beten Sie für uns!“
„Es war seit Anbeginn dieses schrecklichen Krieges nie schlimmer als jetzt. Mir fehlen die Worte, alles Leid zu beschreiben, das ich täglich sehe“, so der Ordensmann, der auf Einladung des internationalen Hilfswerks „Kirche in Not“ in Österreich weilte. „Es gehen täglich Raketen und Bomben auf Kirchen, Moscheen, Schulen und Krankenhäuser nieder. Immer wieder dringen Bewaffnete in die Messen ein und metzeln Gläubige nieder“, schildert P. Ibrahim. Erst kürzlich – am 21. April – wurden bei einem Anschlag auf ein als Altersheim genütztes Schulinternat der Franziskaner eine Seniorin getötet und zwei weitere schwer verletzt. „Sie werden überleben, aber der Schock solcher Erlebnisse sitzt tief, auch bei denjenigen, die nicht verletzt wurden.“ Durch die ständige Angst und den Terror seien viele traumatisiert. „Jeder Tag ist eine Zitterpartie.“ Auch er, gibt P. Ibrahim zu, habe „jeden Tag Angst“. Doch er harre in Aleppo aus. „Das ist meine Berufung, hier Gott und den Menschen zu dienen. Ich bin stark und wenn es sein muss, dann bin ich auch bereit, hier zu sterben.“

Pater Ibrahim wirkt seit über zwei Jahren in der zwischen syrischer Regierung und Rebellen geteilten und heftig umkämpften Stadt im Norden Syriens. „Wer fliehen konnte, ist geflohen. Zurückgeblieben sind vor allem ältere Menschen und solche, die sich die Flucht nicht leis­ten konnten.“ Rund 12.000 christliche Familien, das sind etwa 50.000 Menschen, leben noch in Aleppo. Das ist nur mehr ein Drittel der ursprünglichen christlichen Gemeinde, sagt Alsabagh. Das Leben in Aleppo vergleicht der Pater mit einem Horrorfilm. Viele Häuser und Wohnungen sind zerstört, die Wasser- und Stromversorgung funktioniere oft über Wochen und Monate nicht, zudem gebe es für die oft verletzten und kranken Menschen kaum eine Gesundheitsversorgung. Viele müssten Hunger leiden. Denn: Fast 90 Prozent der Menschen in Aleppo sind arbeitslos und können sich die Lebensmittel, die fünf- bis zehnmal mehr kos­ten als vorher, nicht leisten.
P. Ibrahim: „Wir helfen, wo und wie wir können. Wir verteilen Lebensmittelpakete, unterstützen Reparaturen und helfen den Menschen dank der Hilfe von Kirche in Not auch mit Kleidung, Medizin, Hygieneartikeln und anderen Dingen.“ „Es ist ein solches Elend hier, aber ich danke Gott dafür, dass ich durch seine Gnade zum guten Samariter für all diese leidenden Menschen werden darf. Ich versuche sie durch das Wort Gottes, aber auch durch Taten leiblicher Barmherzigkeit zu trösten. Mir sind immer die Worte von Papst Franziskus im Ohr, den Menschen Gottes Zärtlichkeit zu zeigen. Wir Priester und Ordensleute sind zu Müttern der Menschen geworden, die ihre Wunden zärtlich wie eine Mutter zu verbinden suchen.“
Das Kreuz, das die in Aleppo verbliebenen Christen tragen, sei schwer. „Aber es schafft auch eine Gemeinschaft mit Gott und untereinander, wie ich es vorher nicht erlebt habe. Mein Glaube und meine priesterliche Berufung sind in Aleppo gewachsen“, sagt Alsabagh und betont, dass die täglichen Messen immer gut besucht seien. Ein Ende des Krieges sehe er nicht, so der Pater. „Doch wir Christen geben die Hoffnung nicht auf. Wir brauchen ein Wunder.“ Sonja Planitzer

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